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Karl Otto Mühl
Siebenschläfer.

Roman
2002, Euro 14,00
Paperback, 180 Seiten
ISBN: 978-3-935421-02-7

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"Ludwig Wolf ist ein tüchtiger, ja sogar ein erfolgreicher Mann und trotzdem kein Normalbürger..." beschrieb Günter Blöcker im Jahre 1975 in seiner Besprechung der ersten Auflage des Buches "Siebenschläfer" von Karl Otto Mühl die Hauptfigur des Romanes, mit dem der Dramatiker Mühl schlagartig auch als Romautor bekannt wurde: ein milieukundiger Beobachter von hohen Graden, der Einblicke in eine literarisch wenig erschlossene Arbeitswelt gab, Einblicke, die ebenso genau wie - zuweilen - ironisch pointiert sind.

Der Lebensbericht des jungen Kriegsheimkehrers Ludwig Wolf, der seinen Platz in der Gesellschaft suchte und den beinahe absurd erscheinenden Mut aufbringt, seine berufliche Karriere an einem Punkt zu stoppen, wo sie der Integrität seiner persönlichen Existenz gefährlich werden könnte.

Seine Erfolge, auch seine beruflichen Erfolge als Verkaufsleiter in einer Maschinenfabrik, beruhen auf Einfühlung und Geduld, auf Freundlichkeit und Toleranz. Er ist sowenig ein cleverer Geschäftsmann, wie er ein zielbewusster Liebhaber oder ein berechnender Freund ist. Mit Befremden stellen seine Vorgesetzten fest, er sei im Grunde gar kein richtiger Verkäufer: "Er argumentiert mittelmäßig, er kann nicht hart verhandeln. Die Kunden mögen ihn nur, das ist es."
Ja, genau das ist es; und die Erklärung liegt in der kopfschüttelnd vorgetragenen Erkenntnis: "Eigentlich interessieren ihn nur Leute."

(Auszüge aus der Rezension von Günter Blöcker)

"Karl Otto Mühls Kunst, unscheinbaren Sätzen heimliches Gewicht und heimlichen Glanz zu verleihen (...) ist außerordentlich. (...) Es ist das Buch eines Unabhängigen und damit allerdings etwas, das die Welt in der Regel am wenigsten zu schätzen weiß." (FAZ)

Über die Neuausgabe:

Ein Drittel Jahrhundert nach seiner Entstehung liefert der "Siebenschläfer" ohne weiteres einen Grund dafür, einen Roman von gestern zu verlegen, der von vorgestern erzählt. Ein Buch über die Entscheidung zur Nichtkarriere, kann das noch gültig sein? Oder vielleicht heute erst recht? Genau hier trifft Karl Otto Mühls nüchterne und zugleich subtil verspielte Betrachtungs- und Ausdrucksweise, keiner sprachlichen Mode und kurzlebigen Attitüde unterworfen, nach wie vor ins Schwarze.


Leseprobe




Leseprobe

Siebenschläfer

Februar 1947
Anfang des Monats war ich mit einem Heimkehrertransport aus Frankreich in Wuppertal angekommen. Mit einem Seesack auf der Schulter stapfte ich nachts vom Bahnhof durch den Schnee nach Hause.
Ich kam aus einem französischen Gefangenenlager in der Nähe von Douai. Dorthin hatten uns 1946 die Amerikaner transportiert. Wir mußten in den Kohlebergwerken arbeiten. Ein stürzender Balken hatte mir einen Rückenwirbel angeknackst. Ich war monatelang arbeitsunfähig gewesen und einer der ersten, die entlassen worden waren.
Es brennt ja Licht, dachte ich, als ich durch die Straßen ging und meinen Seesack von einer Schulter auf die andere wuchtete. Es brennen ja Öfen; man sieht den Rauch gegen den Nachthimmel. Die ganze Welt ist plötzlich wieder da. Am besten ganz gleichmütig bleiben, nicht zu viel auf einmal wollen. Sonst wirst du verrückt.
Ich war noch nicht vierundzwanzig, Ich war gesund. Selbst wenn ich am Anfang etwas falsch machte, konnte ich es bei dem langen Leben, das vor mir lag, mehrmals korrigieren. Mir konnte nichts passieren. Nicht einmal an die falsche Frau konnte ich geraten. Ich würde einfach nicht heiraten, bis ganz sicher war, daß ich die Richtige gefunden hatte.
Die Wohnung meiner Eltern in der Markomannenstraße war durch Bomben nicht zerstört worden. Einmal war aus ruhigem Mittagshimmel eine englische Maschine auf Wuppertal herabgestoßen und hatte Straßen und Häuser mit Maschinengewehrsalven eingedeckt. Meine Mutter behauptete, der Pilot hätte sie gesehen. Aber er habe nicht auf unser Haus geschossen, sagte sie. Dagegen hatte eine Luftmine, die weiter entfernt in der Markomannenstraße fiel, die Fensterscheiben der Wohnung zerplatzen lassen. Eine Zeitlang mußten Pappdeckel das Glas ersetzen. Da oben hinter den Fenstern waren sie: Vater und Mutter, die um den Sohn gebangt hatten. Der Sohn kam aus dem Krieg nach Hause und würde erfüllen, was die Jahre versagt hatten. Kleider und Wäsche, Zigaretten, Wein, Bücher, alles lag für ihn bereit. Nichts Bedeutsames, Aufregendes mußte geschehen. Es genügte, daß zukünftig alles anders sein würde als bisher. Der Sohn kam.
Mein Bett war schon gemacht. "Du wirst froh sein, wieder einmal in einem richtigen Bett zu liegen, nicht wahr. Nach dem Bombenangriff hat wochenlang ein nettes Mädchen darin geschlafen", sagte mein Vater.
Als ich am Morgen vom offenen Fenster aus in die Wintersonne blinzelte, fragte ich mich, was ich jetzt wollte. Was konnte ich tun? Gut, studieren oder etwas lernen. Mal sehen, bei welcher Schule ich ankommen konnte.
Mädchen wollte ich kennenlernen. Eines genügte, egal, wie es hieß, ob es blond oder dunkel, klein oder groß war. Die Hauptarbeit der Liebe war schon geleistet; ich wünschte sie mir so sehr, daß Schwierigkeiten überhaupt nicht denkbar waren.
Aber zunächst mußte ich meine Freunde auftreiben. Viele sind bereits wieder hier, sagten die Eltern.
Meine Freunde: das waren Heinz Severin, angestellt bei der Stadtverwaltung, Kurt zur Nieden, Journalist, Horst Balke, Ingenieur, und Max Obendorf, der bei Verwandten in Lüdinghausen wohnte und ein bißchen herumstudierte. Vielleicht gehörte noch Arno Flach dazu, aber das war eher eine lange zurückliegende Schulfreundschaft, von der nicht viel übriggeblieben war. Flach studierte in Köln Medizin.

Wuppertal ist ein steinerner Wurm, der sich durch ein langes, waldiges Tal schlängelt. Im Osten der Stadt gibt es Ortsteile, die Beyenburg, Heckinghausen, Oehde, Nächstebreck, Wichlinghausen heißen; weit vor der Stadt liegen die Straßenkreuzungen, von wo aus, unbemerkt von uns im Elberfelder Westen, ganze Armeen einmarschieren könnten. Kleine Kirchen stehen im wuchernden Grün wie Kultstätten im Urwald. Niemand wußte, was sich dort abspielte.
Wir wohnten alle in der Elberfelder Mitte: meine Eltern und ich in einem alten Haus nahe dem Neumarkt. Die Giebelseite des Hauses war mit Schiefer gedeckt, die Treppen waren eng und ausgetreten und naß vom täglichen Wischen; das Treppengeländer knarrte. Dort wohnten wir, seit ich konfirmiert worden war, zwischen Bäckereien, Wirtschaften, Läden, winzigen Betrieben in Hinterhöfen.
Die Erinnerungen: hier bist du in die Schule gegangen, hier stand die Fischbratküche, in die du immer nach dem Turnen gegangen bist.
Vom Weinberg und vom Nützenberg aus sah ich auf die Stadt. Ich ging durch die Friedrichstraße, die Gerberstraße, die Schreinerstraße. Diese Gegend hatte sich in den letzten fünfzehn Jahren nicht verändert. Hier war ich in blankgewienerten Lederhosen gegangen, als Pimpf in dunkelblauer Bluse marschiert. Das Antreten morgens auf dem Schulhof, Fahnen, Kantaten von Heribert Menzel.
"Herr Studienrat, wenn man aber nicht blond ist oder keine blauen Augen hat? Wird man dann noch was?"
"Aber natürlich, Junge. Es gibt doch auch das Geistig-Nordische. Denk nur an Kant, was war das für ein großer, klarer, nordischer Geist im Deutschen Osten, und dabei ganz klein von Gestalt."
Mein Klassenkamerad Heinrich verteilte heimlich katholische Flugblätter, und unser Kamerad Gerhard lief bei den Sportfesten als Pressepimpf mit der Kamera herum. Abends, als ich nach Hause kam, saß der alte Falisch im Treppenhaus, vorübergehend aus dem KZ entlassen.
"Wir mußten Loren schieben, mein Junge, so schwer, daß es uns den Hintern auseinanderriß. Was hast du da für eine schöne Schnur an deiner Uniform, mein Junge? Willst du einen Apfel von einem Juden?"
"Warum gehen Sie nicht hinein zu Ihrer Frau, Herr Falisch?"
"Ich wollte mich nur ein wenig beruhigen. Es genügt, wenn sie weint."
Fünf Jahre später lag ich mit einem Gipsverband in einem kanadischen Kriegsgefangenenlazarett. Der deutsche Arzt ging an den Betten vorbei und blieb bei mir stehen.
"Die hatten es diesmal auf Wuppertal abgesehen", sagte er. "Ein Angriff mit Hunderten von Flugzeugen. Die Zeitungen hier schreiben, daß die Stadt ganz verbrannt ist. Hatten Sie nicht Verwandte in Wuppertal ?"
Der Feuersturm hatte die Elberfelder Nordstadt vernichtet. Mein Vater hatte beim Löschen geholfen und die auf Zwerggröße geschrumpften Leichen am Straßenrand ausgelegt. Meine Mutter überklebte die Sprünge in den Fensterscheiben mit Heftpflaster. Falisch stand im Waggon an seine Frau gepreßt, die Nierenbluten hatte, und der Zug rollte nach Theresienstadt.

Wuppertal war eine Stadt, in die vom Osten Schinken, Milch, Butter und schwarzgekleideter Bauernernst hereinflossen. Die Bürger waren von überall her, auch aus Kurhessen und Waldeck, gekommen. Unter dem rhythmischen Ratschen der Bandstühle gingen sie durch die Türen ihrer schwarzblanken Schieferhäuser ein und aus. Sie bauten kleine Fabriken, plätscherten sonntags auf Gondelteichen, bauten den Zoo und die Schwebebahn, waren fleißig und freundlich. Selten gab es Mord und Aufruhr. Neben dem grauen und weißen Rauch aus Werkzeugfabriken und Bandwirkereien stiegen die Gebete von hundertsiebenundzwanzig Sekten zum Himmel. Ihre Anhänger waren genauso hartnäckig fromm wie die Reformierten und Lutherischen.
Karnevalsumzüge, der Führer spricht, Goebbels spricht, Einweihung des Bismarckturms, Ehrenmäler hier und dort, Sonnborner Kirmes. Wir fielen wie Heuschreckenschwärme in das Gebiet benachbarter Jungenbanden ein, trugen im Westerbusch Schlachten mit Steinen, Knüppeln und Grasbatzen aus. Das dampfende Sonntagmittagessen, abends die Melancholie unter der Lampe, die kühle Sommerabendluft in der Mirker Badeanstalt; die Badeanzüge spannten sich über den mageren Hintern der kleinen Mädchen.
Ich war im verschneiten Elberfeld und erlebte innerhalb von kurzer Zeit, wie man die Gefangenschaft vergessen kann und nicht mehr vor Begeisterung darüber verrückt wird, daß man daheim ist.
Arbeit vermißte ich nicht. Ich hatte vollauf damit zu tun, morgens zu frühstücken und die Zeitung zu lesen, herumzugehen und die alten Freunde zu besuchen. Nicht weit von uns lebte Kurt zur Nieden mit seiner Mutter in einem Haus in der Wiesenstraße, die, einen Kilometer lang, zu den Nordhängen von Wuppertal hinaufführt. Wie die meisten Häuser in der Wiesenstraße stammte es aus den neunziger Jahren. Es gehörte Kurts Mutter und deren Schwester. Der Vater war schon vor dem Krieg gestorben. in einem ähnlichen Haus wohnte Heinz Severin in der Friedrich-Ebert-Straße. Es hatte graugrünen Gipsputz mit einem Schimmer von Phosphortönung darin. In beiden Häusern ging man im Hausflur über Rosettenmuster. Das Licht von außen glomm durch farbige Flurfenster.





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