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Karl Otto Mühl
Sandsturm

Die gezähmte Armee
Die besonderen Hefte
Oktober 2008, Euro 5,50
76 Seiten, Fadenheftung
ISBN: 978-3-935421-30-0



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Caspers im Krieg. Die Fronten ziehen sich durch Europa, überqueren die Meere und Kontinente. Caspers verschlägt es zur Wüstentruppe, nach El Alamein, in viele Gefechte und schließlich in die amerikanische Gefangenschaft. Die alten Soldaten werden zurückgeworfen auf sich und ihren Platz in der Welt, im Krieg und ihren Standpunkt im untergegangenen Dritten Reich. Für manche ist es plötzlich ein Aufbruch in eine verheißungsvolle Zukunft, mit Feinden, die zu Freunden werden könnten ...


Leseprobe: Sandsturm. Die gezähmte Armee
Bio-/Bibliographie Karl Otto Mühl




Leseprobe

Sandsturm. Die gezähmte Armee
Es hatte sich in Caspers schleichend ausgebreitet wie ein Fieber, wie eine Erkältung, dieses Wissen: Hier kannst Du nicht bleiben. Wenn er durch sein Heimatstädtchen ging, sah er die Männer auf der Straße aufmerksam an, warum waren sie noch hier, warum hatte man sie nicht einberufen. Im Buchladen wurde er gefragt: Na, bist du auch bald dran? Wohin willst du denn? Oder: Du musst dich beeilen, sonst geht der Krieg ohne dich zu Ende. Die Gefahr schien groß, dass er schnell zu Ende gehen würde, dieser Krieg, von dem Hitler sagte, er sei dem deutschen Volke aufgezwungen worden. Die Deutschen siegten an allen Fronten, jetzt waren sie in Russland eingefallen.
Caspers freute sich nicht am Krieg. Er hatte nie den Film »Im Westen nichts Neues« vergessen, in den ihn seine Mutter geführt hatte. Da starben Soldaten, und Sterben musste etwas Schreckliches sein, auch für ihn und alle anderen. Warum machte man dann so etwas? Aber jetzt wollte er in diesen Krieg, damit ihn niemand mehr fragend anblicken konnte, und bevor man ihn in einem Augenblick holte, in dem er nicht darauf vorbereitet war. Es würde schon gut gehen, und es gab ja soviel Zwischenräume, wie er wusste, und er verstand darunter die Transporte mit der Eisenbahn, die Ausbildung, die Urlaube, das irgendwohin Abkommandiert-Werden, so unendlich vieles, so dass fast gar kein Platz für das richtige Kriegführen bleiben würde, wenigstens in seinem Falle. Wenn geschossen wurde, warf man sich auf den Boden, und die meisten Geschosse gingen sowieso daneben, man musste nicht gleich mit einem schrecklichen Ende rechnen.
Gerne fuhr er freilich nicht. Er wollte dies alles hinter sich bringen, aber nach dem Krieg, ja, danach, da würde er endlich frei sein, frei sein von den schreienden Kerlen, in deren Nähe er immer wieder geriet, bei der Hitler-Jugend, im Radio, im Film aber im Film schrieen sie seltener, sondern machten lieber eiserne Gesichter; alles nicht Caspers Sache, der sicher war, später Dirigent oder Reporter zu werden, etwas Leises, aber doch Überlegenes, auf jeden Fall etwas, wo er weder schrie noch angeschrieen wurde, etwas, was Triumph, Ausweg oder Flucht zugleich war wobei er nicht wissen konnte, dass er bald an einer ganz anderen Flucht teilnehmen würde.

* * *

Am Nachmittag vor der Abfahrt aus Tirschenreuth machte er einen letzten Abschieds-Spaziergang. Es regnete, die Welt war nass und grau, und der Boden unter ihm braungrau und schlammig. Er hatte jetzt alles um sich, was er liebte, die Eltern, diese Mauern, die Gräber, die Häuser, die Eltern der Freunde die Söhne waren schon fort noch schien er es zu haben, aber gleichzeitig sehnte er sich danach. Wie merkwürdig, dachte er. Würde er es je besitzen?
Mutter und Vater begleiteten ihn zu dem kleinen Bahnhof in der Talsenke, der dunkelglänzende Blick der Mutter schien ihn nicht mehr loszulassen. Der Zug setzte sich Bewegung, seine Leute blieben zurück, schon jetzt begann er das Heimweh zu spüren. Es ließ sich nicht abschütteln.

In einer Kaserne in der Lüneburger Heide:

Wenn Caspers morgens vor dem Aufsteh-Gebrüll des Unteroffiziers vom Dienst erwachte, versuchte er alles, um die Sekunden und Minuten festzuhalten, die mit unbarmherziger Eile verrannen, um die Wärme des Bettes noch einen letzten Augenblick zu spüren. Aber die Sekunden und Minuten vergingen nur noch schneller, und dann kam er der schrille Ton der Trillerpfeife und der noch gedämpfte Schrei »Aufstehen« aus ganz nahe gelegenen Barackenräumen. Caspers blinzelte auf das Ende des Metallbetts, er sah die Eckstange wie einen Totempfahl, seine Aufmerksamkeit versuchte, sich an ihr festzuklammern, um nichts anderes denken und fürchten zu müssen; und dann musste er bereits aus dem Bett springen, um stramm daneben zu stehen, wenn der Unteroffizier ins Zimmer stürmte.
Während er sich ankleidete, grübelte er bereits, was er bei den nachher folgenden Appellen wohl zu befürchten hatte. Erst kam der Bettenappell, bei dem das mustergültige Arrangieren und Glattziehen der Betten überprüft wurde, und später folgte der Waffenappell, bei dem Feldwebel Maurer das auseinandergenommene Gewehrschloss kontrollierte und durch den Lauf spähte, den er gegen das Licht hielt.
Und immer fand dieser Feldwebel bei Caspers etwas, und nicht nur da. Beim Marschieren sang Caspers zu leise, oder er hielt den Kopf zu sehr gesenkt, oder nach dem Ausmarsch fand er noch einige Krümel in dem gesäubertem Kochgeschirr, oder das Kissen des Bettes war nicht schnurgerade gezupft.
Immer folgte Caspers Untaten die Strafe. Die bestand meistens im Jagen über den Kasernenhof bis nahe an den Zusammenbruch. Nach jeder Runde musste Caspers sich beim Feldwebel zurückmelden, strammstehend, mit gerötetem Gesicht und fliegendem Atem.
Die zwei oder drei Glas Bier in der Kantine abends boten keinen Trost. Die Ausweglosigkeit krallte sich in Caspers Nacken, aber die Welt um ihn war dennoch zu massiv, zu konkret, zu nah, sie verhinderte, dass Caspers in Verzweiflung sinken konnte.
Oft half er sich mit dem Schreiben von Briefen. Danach fühlte er sich manchmal besser. Auch an Pfarrer Skrabursky schrieb er, alles sei ganz anders hier, als er es im Jugendkreis kennengelernt hätte, er fühle sich manchmal sehr allein. Skrabursky schickte umgehend eine tröstende Antwort, ihn seiner häufigen Fürbitte versichernd, auch zum regelmäßigen Besuch der Messe, des Abendmahls und der Beichte ermutigend. Und die Wirkung von Gebeten könne er persönlich bezeugen. Den Schutz des Bettes konnte Caspers abends nicht lange genießen. Die Erschöpfung ließ ihn immer zu schnell in den Schlaf sinken.

* * *

Auf den Schildern an den Spinden las Caspers die Namen seiner Zimmergenossen: Moskat, Krämer und andere. Zugführer war Feldwebel Maurer. Gruppenführer war Unteroffizier Langenkamp. Diese beiden waren in einer Zweibettstube untergebracht. Essen gab es in der Kantine. Zwanzig Minuten hatte man dafür Zeit, dann musste Platz gemacht werden für die nächste Gruppe. Anschließend saßen die jungen Soldaten auf Hockern und Bettkanten, redeten oder spielten Karten. Um neun Uhr mussten sie im Bett liegen und ruhig sein, der Unteroffizier vom Dienst ging kontrollierend durch die Räume.
Die schwarzen Fensterscheiben funkelten, im Kanonenofen flackerte das Feuer. Willy Caspers zog die Decke bis an die Nase und wünschte sich, nie mehr aufstehen zu müssen. Aber am nächsten Morgen um fünf würde wieder Wecken sein. Sie waren in einer anderen Welt, das Deutschland, das seine Welt gewesen war, schien es nur noch in Zeitungen zu geben. Es hatte hier keine Macht.

* * *

Willy Caspers Seele hatte schon von Kind an eine Haut, die sich vor den Höllen diesseits und jenseits verschloss und so Räume abtrennte, in denen sich Wohlbehagen ausbreiten konnte: Mutters Schwemmklöße aus Grieß, die Sonne am Samstagnachmittag, die Frikadelle aus der Metzgerei nach dem Schwimmen, die tröstenden Stimmen von Tante Anni, Tante Hedwig, Tante Hilde und Tante Hansi.
Hier beim Militär 1941 gab es kaum solche Schutzräume des Wohlbehagens. Die Rekruten wurden angeschrieen, die Briefe, die sie schrieben, wurden zensiert, die Inspektionen von Spind, Bett und Gewehr waren gnadenlos.
Über Politik, Regierung oder Weltanschauung sprach niemand. Die politische Macht fern in Berlin , sie wurde geahnt, aber nicht gefühlt, verstanden, eingeordnet, erwähnt, oder etwa sogar kritisiert alles dies nicht. Hier herrschten Macht und Recht der Soldaten, und alles Andere schien unwirklich, war grau umwölkt in der Ferne Führer, Fanfaren, braune Würdenträger, Radio.
Ein Soldat war weniger als ein Nichts, das fühlte Caspers. Unter allen anderen fiel er, der auch ein Niemand war, nicht auf. Keiner fand etwas Absonderliches an dem zurückhaltenden, schweigsamen und anscheinend anspruchslosen Caspers.
Die Soldaten rannten schwitzend über die Heide, Maschinengewehre und Munitionskästen schleppend über das Übungsgelände, und Glück war das blonde Glas Bier abends in der Kaserne ...


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