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Jörg Aufenanger
Vorwort zum Gedichtband
»Inmitten der Rätsel«
»Der Horizont hinter den ich spähen möchte, ist mein Tod«, ist auf der ersten Seite des Romans »Siebenschläfer« zu lesen, der Karl Otto Mühl 1975 auch als Romanautor bekannt gemacht hatte, nachdem er kurz zuvor mit »Rheinpromenade« über Nacht zum erfolgreichen Theaterautor geworden war.
Mehr als 25 Jahre später nun diese Sammlung von Gedichten. Und immer wieder tritt der Tod ins Gedicht, ein Rätsel, Rätsel inmitten des Lebens, also auch inmitten aller Rätsel, die das Leben stellt. Ein Rätsel schon, dass der eine noch lebt, der andere nicht mehr, der eine stirbt, der andere nicht. Rätsel seit jenen Jahren, die für Karl Otto Mühl an die Stelle der Jugend traten, inmitten des Krieges. Dieses Rätsel ist Urerfahrung, bleibt Rätsel im Heute, wenn man, wie das erste Gedicht der zweiten Abteilung dieses Bandes erzählt, die Zeitung aufschlägt, die Todesanzeigen liest und feststellt, man ist nicht dabei.
Man wundert sich. Denn da wo nur Rätsel sind, weiß man nichts. Altersweisheit? Lyrisch?
Karl Otto Mühl ist 1923 geboren. Von den Männern seiner Generation waren nicht viele zurückgekehrt, aus dem Krieg, nach Hause, das ohne Haus war, in die Trümmer der Städte, aber die Trümmer standen nicht nur auf der Straße, sie ragten in einen jeden hinein, Trümmer von Illusionen, Hoffnungen und Gewißheiten, die wenige Jahre zuvor noch galten. Und doch mußte man anfangen, nachdem man Jahre der Jugend verloren hatte. Ein Anfang, aber wo anfangen? In der Kunst, der Literatur? War das ein Gelände ohne Trümmer? Stand da noch ein Turm, von dem man ins Land und in die Zukunft schauen konnte? Oder mußte man ihn neu errichten? Karl Otto Mühl und Paul Pörtner bezogen mit einigen anderen, die zurückkehren konnten, einen Turm, gründeten eine Künstlergemeinschaft dieses Namens, diskutierten, sichteten, staunten und begannen zu schreiben. Karl Otto Mühl veröffentlicht 1948 in der »Literarischen Revue«, einer angesehenen Literaturzeitschrift der Vorwährungsreformzeit, eine Erzählung, »Silberne Hochzeit«, und im selben Heft findet sich eine Kurzgeschichte eines anderen unbekannten Kriegheimkehrers, Heinrich Böll. Schreiben ist Leben. Das Leben ein Traum. Dann die Aufforderung. Was tun!? Nachdem das Geld im Juni 1948 wieder Geld war und Macht über den Menschen gewann, mußte man sich entscheiden, entweder diesen Weg einer unabhängigen literarischen Existenz mit allen Risiken weitergehen oder sich einpassen in eine neue Welt, in der der Ernst des Lebens am Traum nagt, ihn aufzufressen droht. Oder ein Doppelleben führen? Karl Otto Mühl entscheidet sich, übt einen Beruf aus, den man bürgerlich nennen kann. Nur dass man überlebt, wo man Jahre zuvor schon anders überlebt hat. Aber Mühl ist resistent, er vergißt den Traum nicht. Sein Leben im Alltag von Beruf und freier Zeit stellt ihn zugleich auf den Posten des Beobachters genau dieses Lebens. Die gewisse Distanz, die sich aus dem Traum noch nährt, gibt ihm den Stoff, aus dem neue Träume entstehen, aus dem die Theaterstücke erwachsen und die beiden Romane, die in den siebziger und achtziger Jahren erscheinen. »Rheinpromenade«, »Kur in Bad Wiessee«, »Wanderlust« und »Hoffmanns Geschenke«, die Romane »Siebenschläfer« und »Trumpeners Irrtum«.
Und nun also ein Band mit Gedichten. In ihnen ein Widerschein des Lebens und der Sehnsucht nach Leben, bevor Tod ist, Widerschein vom falschen Leben im Richtigen, vom richtigen Leben im Falschen, von Versäumnissen, Unzulänglichkeiten, Fehlern und Schuld.
»Wir schmissen es weg, das Leben, das uns liebte«, sagt Mühl im Gedicht »Kriegsgefangenentransport«. Aber davor war doch etwas. Krieg. Und davor war? Gedankenlosigkeit, antwortet das Gedicht, bis zu spät leise Zweifel kamen, auf Wachposten, als man einen Kameraden vorbeiführte, der doch nur zu einem Mädchen wollte. Das Leben, das jeden einzelnen liebte, sagt der Dichter heute, war »gestohlen« worden, einer ganzen Generation, aber die hatte es auch weggeworfen, eben »gedankenlos«, da die Bewegung in früher Jugend hieß »Immer anständig, immer anständig« und vor allem »nicht wie die anderen - weg mit den anderen.«
Nur, nachdem die anderen weg waren, traf es einen jeden selbst, im täglichen »Trüben Tag«, da »Tausende junger Männer umfielen« und nur noch in den »Himmel starrten«, und da die, die verschont wurden, zwar überlebten, aber auch neidisch waren auf die, die so vor dem womöglich schlimmeren Ende ein Ende fanden. Was aber blieb? Von all dem, was man so gedankenlos einfach Krieg nannte? »Es ist wie Angst aus der Tiefe des Sterbens« lesen wir in »Traum des Geschiedenen«, führt im Heute zu einer grundlegenden Erkenntnis »Der Anfang ist der Tränen Ort, das Ende ist das Sterben.«
Geschrieben hat Karl Otto Mühl diese Gedichte Ende der neunziger Jahre als Mittsiebziger, entstanden aber waren sie lange zuvor, bevor sie Worte fanden oder nur ein Wort, »aus der Tiefe«, das ihn fand, und das er hochzog und sah, »dass eine ganze Welt daran hängt«.
Altern sei ein introspektives Ereignis, hat Gottfried Benn in einem Brief zu seinem Essay »Altern als Problem für Künstler« geschrieben.
Das konnte man nicht vermuten, dass Karl Otto Mühl einmal Gedichte vorlegen würde, sie Brot der späten Jahre würden. Eher hatte man es von seinem Freund Paul Pörtner erwartet, der ja überall in der Dichtung zuhause war, und in der Tat hat auch er Gedichte geschrieben und mit ihnen zurückgeschaut auf sein Leben. Karl Otto Mühls Name stand für Theaterstücke und Romane, die das Leben der anderen um ihn herum erzählten. »Um mich herum saßen andere« ist im »Siebenschläfer« in jenem Moment des Romans zu lesen, als des Autors alter Ego die Welt des Büros betritt, ins Angestelltenleben eintritt. Und diese anderen werden nur Objekte der Beobachtung, sondern zu Figuren in seinen Schauspielen wie »Hoffmanns Geschenke«, »Kellermanns Prozess«, im Roman »Trumpeners Irrtum«.
Und nun wundert man sich, dass sich in dem stillen Beobachter und sanftbissigen Chronisten des Angestelltenlebens ein lyrisches Ich gemeldet hat, das vor allem von sich erzählen will, auch wenn es in ein Du schlüpft. Liest man aber seinen ersten Roman »Siebenschläfer« genau und nach der Lektüre der Gedichte noch einmal, so stellt man fest, es war schon da, dieses Ich, und es geht um nichts anderes als um dieses Ich. Selbst in der Beobachtung un in der Analyse der anderen sieht es sich selbst. Zählte sich Mühl nicht gar in früher Jugend zu den anderen? Hätte er sich da nicht gewünscht, eher wie die vielen anderen zu sein und nicht wie die wenigen anderen, wie er sich später sowohl gewünscht hat, wie diese vielen zu sein, als auch anders zu sein als die vielen?
»Aussichtsloser Wunsch«, wie jeder existenzheischende Versuch, Wunsch auch nach endlicher Ruhe im Leben, nach einem unbedrängt autonomen Leben, der nach einem »stillen Haus«. Könnte man doch nur nach den Tauben schauen.
Rettung im Leben und in den vielen Rätseln inmitten desselben gäbe es nur, »wenn plötzlich alle schwiegen«. Das Gedicht ist eine Sehnsucht über die Sehnsucht hinaus. Sehnsucht. Stillbar? Vielleicht allein in verschiedenen Augenblicken, und das Gedicht vermag diese Momente anzuhalten, jene »kostbaren« Weltminuten, von denen Mühl schon im »Siebenschläfer« gesprochen hat, vermag gar sie zu verlängern in sich selbst, ins Gedicht hinein.In diesen Augenblicken ist Sehnsuch gestillt und es spricht die Wahrheits des Rätsels. »Hör hin, wenn Glas zerspringt, / sieh zu, wenn Efeu erschauert. / Sie sagen die Wahrheit, / beide.«
Jörg Aufenanger,
1945 in Wuppertal geboren, hat Philosophie und Theater- und Literaturwissenschaften in Berlin und Paris studiert. Er ist Theaterregisseur, Herausgeber einer französischen Bibliothek und Autor diverser Veröffentlichungen zur Philosophie und zur Literatur in Berlin. Jörg Aufenanger lebt in Berlin.
Links:
www.literaturport.de
www.perlentaucher.de