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Horst Wolf Müller
Höhenluft
Mertesgeschichten

Dezember 2011, Euro 10,50 [D]
Broschur, 188 S.
ISBN: 978-3-935421-80-5



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Heinrich Mertes hat einen Dachdeckerbetrieb erheiratet und ist leidenschaftlicher Dachdecker geworden. Sein Traum ist, das Kirchendach von Sankt Pantaleon zu erneuern, ihn locken aber auch Synagogen und Moscheen. Seine Gedanken über Gott und die Welt gibt er in seinem Bekannten- und Verwandtenkreis an guten Tagen gerne preis.
In seinen Mertesgeschichten präsentiert Horst Wolf Müller die höhere Kunst des Erzählens. Die kurze Form in gekonnter Balance zwischen Hochstapelei und Tiefgang, Witz und Ernst.

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Beim Hausarzt

Mertes zieht sich an. Sechzig, Herr Doktor, sixty würden die Engländer sagen.
Kennen Sie den Kinderspruch: Mit 10 ein muntres Kind, mit 20 jung gesinnt, mit 30 frisch voran, mit 40 wohlgetan. Mit 50 stillestan, mit 60 fängt das Alter an. Da beginnen also die Verdächtigungen des Körpers. Man verliert ganz langsam und schleichend das Vertrauen. Alles kann man haben und auch nix kann man haben. Hab ich was? Haben Sie was gefunden? Nix? Also sozusagen Freispruch? Hatt ich erwartet, trotz und alledem. Plötzlich schaut man auf die anderen Lük im Wartezimmer von oben herab. Egal wie alt du bist, Hauptsach Elan Vital. Das zählt überall. Wie alt ist der Globus? Paar Millionen. Kein Mensch kann sich das vorstellen. Seit wann laufen Menschen drauf rüm? Da kommen Schädel zum Vorschein, ne knappe Million alt, und die Zähn sind noch tadellos. Schwer hinzunehmen. Ich beobachte mich jetzt schon etliche Jahre, hab ein Auge auf meinen Körper und seine gewissen Intentionen, da entgeht mir so gut wie nix. Und ich glaub, dat imponiert dem. Dat kennt der nit von mir, dat ich so quasi an die kurze Leine nehme, wo ich doch früher überhaupt nicht gewusst hatt, wat dat ist, der Körper. Körper und Seele, dat war doch früher – wie soll ich sagen, die waren ein Herz 10 und eine Seele. Ja, su redt man. Aber er ist nicht mehr, was er einmal war. Er zwackt emal hier und emal da, erlaubt sich da praktisch diese Symptome, kennen Se ja, kennt ja jeder heute, diese unbeliebten Symptome, hett jeder. Aber ich will emal so sagen: et is nix dahinter!
Er schickt mir seine Symptome, und wenn ich die dann zu Ihnen bring und er muss sich auch noch unter dem Auge des Röntgenschirms verantworten, dann geht ihm, auf Deutsch gesagt, die Luft aus. Davon hab ich ihn im Verdacht! Er is mir manchmal trotzdem unheimlich, muss ich Ihnen sagen. Et gibt kaum eine Stelle, wo ich nit schon emal gewisse Besc
hwerden gehabt hätt. Und wenn ich dann immer denk, ich kenn die Stellen, ich weiß, wo er mich drankriegt, dann kommt er et nächste Mal wieder von ganz wo anders. Nehmen wir bloß emal den Hexenschuss, dat war ne echte Schuss vor de Bug. Ich dacht wirklich, jetzt ist dein Stündlein gekommen, du bist an den Stock gefesselt für den Rest deiner Tage. Aber von wegen. Drei vier Zäpfchen, eine Woche Gymnastik mit dieser Hüftschaukel da, jet jeschwumme und er gibt keinen Mauz mehr von sich. Und et Jahr drauf packt er mich im Hals, aber fragen sie nicht wie! Sie sind ja kein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sonst wär ich ja zu Ihnen gekommen, aber so musst ich einen anderen ranlassen, dat Spiel kennen Se ja. Man braucht, wenn man nicht beständig in seinen Krankheiten, bestimmt zehn Ärzte. Und dat fällt dann praktisch su aus, dat einer die Symptome verjagt und der andere kriegt se. Ja, is et nit 11 esu? Sie als Internist haben et noch gut, denn intern ist ja das meiste, und dat sieht man alles nicht. Da kann man nur spekulieren. Drum geht et bei Ihnen auch immer am geheimnisvollsten zu. Wenn man schon Ihre Assistentinnen da all sieht, wie die rumlaufen und tuscheln, und man weiß nit, ob die sich über deine Leber unterhalten oder über deine Bauchspeicheldrüse, dat is schon ne schöne Krimi. Ja, Sie lachen!
Gegen die Chemie sind ja die meisten Symptome machtlos, da gehen die laufen. Würd ich auch tun. Wissen Se, ich hab ens ne pharmazeutische Fabrik besichtigt, da träumen Sie hinterher wochenlang von diesen Kügelchen und Stäbchen, in allen Regenbogenfarben.
Herr Doktor, im Vertrauen gesagt, et gibt doch da diese Kräuterfrauen, man holt se jetzt wieder aus ihren Verstecken. Dat is meiner Meinung nach nit bloß ein Kostendämpfungsgesichtspunkt, sondern die Leute werden echt pillenmüde. Und auch dat viele Röntgen, ich will Sie jetzt nit persönlich verdächtigen, dat dat ein Hobby von Ihnen wäre. Die anderen wieder schnallen dir diese Elektroden an den Kopp, ob die Gehirnströme es vielleicht wagen, dat se da Kapriolen schlagen.
Wissen Se, wat ich glaube?
Der Körper merkt sich dat alles, wat Se mit ihm veranstalten, und dann wird der nachtragend. Denken Se, ich hätt damals diesen Spiegel da runtergebracht? Nit emal unter Narkose. 12 Der wollt dat Dingen nit han, der. Wissen Se, wat die aal Sauerampfer-Lina mit meinem Magen gemacht hett? Die hett mit dem gesprochen. Die hett Tacheles mit dem geredet, aber energisch, war se am Schänge. Und dat half! Wir woren alle richtig kregel hinterher.
Nit, dat ich Ihnen sagen will, Sie sollen et machen wie die Lina, können Se ja nit, Sie müssen ja auch noch auf Ihr Ethos achten. Aber stellen Se sich bloß emal vor, Sie würden anfangen mit Wunderheilungen. Keine Tabletten, keine Anwendungen, keine Röntgenbilder, keine Kurzwellen, nix, bloß: steh auf und wandle. Kostendämpfend, kostenlos. Wat dat für ein Skandal wär für die Ärzteschaft und die Industrie, dat ging rauf bis zum Dämfungsminister. Is doch unmöglich!
Aha. Und dat soll ich schlucken? Zerkauen? Aha! Und dat andere? Auftragen. Nicht einmassieren. Einziehen lassen. Trocknen lassen. Nicht abkratzen. Klar?
Klar dat. Klar tu ich ich dat. Ich gurgel auch im Kopfstand, wenn Se dat von mir verlangen. Tschö, Herr Doktor.



Migrationshintergrund
Um die Wahrheit zu sagen: Ich bin kein geborener Rheinländer. Die wirklichen Kenner werden das schon bemerkt haben.
Es ist ja keine Schande, es ist allenfalls ein Manko, et is ein Gefühl, wie wenn de dinge Pass verlore hättst, du küst nit durch die Sperren, du fühlst dich wie nach einem Ganzkörper-Screening.
Aber genau genumme biste auch als halber Rheinländer ein voller Jeck, weil das rheinische Blut in der Schlacht der Gene so gut wie immer dominant ausfällt.
Aber lassen wir die Biologie. Mein Vater, ein leidenschaftlicher Steuerberater, der praktisch jede Steuerreform voraussah – schon fast unheimlich war das seinen Klienten – war Ostpreuße, nannte sich aber Pruzze.
Er blieb nach dem Krieg, wo er als Panzerfahrer eingesetzt war, am Niederrhein hängen. Dort traf ich ganz unerwartet auf meine Frau, fünftes Kind einer Aachener Dachdeckerfamilie. Von sechs Kindern wurden drei Spengler, der Rest Dachdecker, zwei mit Diplom. Ich, zu dem Zeitpunkt ohne besondere Berufsausbildung, ließ mich von der kupfer- und schiefer verarbeitenden Familie am Rande des Kohlereviers derart blenden, dass 14 ich in sie einheiratete und durch wertvolle Hilfestellungen zu einer florierenden Firma werden ließ.
Besonders Kirchendächer wurden meine Spezialität.
Ich kröne jetzt mein Lebenswerk mit der Erneuerung des Daches von Sankt Pantaleon, jenes Heiligen, der »bei Gott mächtig« genannt wird, der Doyen unter den vierzehn heiligen Fürsprechern. Eine Konversion meiner selbst fand nicht statt, ich und meine Frau Anna blieben bis auf den heutigen Tag altkatholisch. Wenn das der Kardinal wüsste.










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Info:
Horst Wolf Müller

Horst Wolf Müller
1935 in Langenbielau (Schlesien) geboren, Flucht nach Bayern 1945. Studium der Germanistik und Anglistik in München, Münster und Kansas (USA).
Horst Wolf Müller ist vorwiegend mit Theaterstücken hervorgetreten. In den 80er Jahren sind fünf Stücke an verschiedenen Theatern aufgeführt worden (u. a. in Konstanz, Karlsruhe, Regensburg und Salzburg). Daneben entstanden eine grosse Anzahl von Kurzspielen und Satiren für den Rundfunk.

Über den Autor:
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