Heinrich Mertes hat einen Dachdeckerbetrieb erheiratet und ist leidenschaftlicher Dachdecker geworden. Sein Traum ist, das Kirchendach von Sankt Pantaleon zu erneuern, ihn locken aber auch Synagogen und Moscheen. Seine Gedanken über Gott und die Welt gibt er in seinem Bekannten- und Verwandtenkreis an guten Tagen gerne preis.
In seinen Mertesgeschichten präsentiert Horst Wolf Müller die höhere Kunst des Erzählens. Die kurze Form in gekonnter Balance zwischen Hochstapelei und Tiefgang, Witz und Ernst.
Leseprobe
Beim Hausarzt
Mertes zieht sich an.
Sechzig, Herr Doktor, sixty würden die Engländer sagen.
Kennen Sie den Kinderspruch: Mit 10 ein muntres Kind,
mit 20 jung gesinnt, mit 30 frisch voran, mit 40 wohlgetan.
Mit 50 stillestan, mit 60 fängt das Alter an. Da beginnen
also die Verdächtigungen des Körpers. Man verliert ganz
langsam und schleichend das Vertrauen. Alles kann man
haben und auch nix kann man haben. Hab ich was? Haben
Sie was gefunden? Nix? Also sozusagen Freispruch? Hatt ich
erwartet, trotz und alledem. Plötzlich schaut man auf die
anderen Lük im Wartezimmer von oben herab. Egal wie
alt du bist, Hauptsach Elan Vital. Das zählt überall. Wie
alt ist der Globus? Paar Millionen. Kein Mensch kann sich
das vorstellen. Seit wann laufen Menschen drauf rüm? Da
kommen Schädel zum Vorschein, ne knappe Million alt,
und die Zähn sind noch tadellos. Schwer hinzunehmen.
Ich beobachte mich jetzt schon etliche Jahre, hab ein Auge
auf meinen Körper und seine gewissen Intentionen, da
entgeht mir so gut wie nix. Und ich glaub, dat imponiert
dem. Dat kennt der nit von mir, dat ich so quasi an die
kurze Leine nehme, wo ich doch früher überhaupt nicht
gewusst hatt, wat dat ist, der Körper. Körper und Seele, dat
war doch früher – wie soll ich sagen, die waren ein Herz 10
und eine Seele. Ja, su redt man. Aber er ist nicht mehr, was
er einmal war. Er zwackt emal hier und emal da, erlaubt
sich da praktisch diese Symptome, kennen Se ja, kennt ja
jeder heute, diese unbeliebten Symptome, hett jeder. Aber
ich will emal so sagen: et is nix dahinter!
Er schickt mir seine Symptome, und wenn ich die dann zu
Ihnen bring und er muss sich auch noch unter dem Auge des
Röntgenschirms verantworten, dann geht ihm, auf Deutsch
gesagt, die Luft aus. Davon hab ich ihn im Verdacht!
Er is mir manchmal trotzdem unheimlich, muss ich Ihnen
sagen. Et gibt kaum eine Stelle, wo ich nit schon emal
gewisse Besc
hwerden gehabt hätt. Und wenn ich dann
immer denk, ich kenn die Stellen, ich weiß, wo er mich
drankriegt, dann kommt er et nächste Mal wieder von ganz
wo anders.
Nehmen wir bloß emal den Hexenschuss, dat war ne echte Schuss vor de Bug. Ich dacht wirklich, jetzt ist dein
Stündlein gekommen, du bist an den Stock gefesselt für
den Rest deiner Tage. Aber von wegen. Drei vier Zäpfchen,
eine Woche Gymnastik mit dieser Hüftschaukel da, jet jeschwumme und er gibt keinen Mauz mehr von sich. Und
et Jahr drauf packt er mich im Hals, aber fragen sie nicht
wie! Sie sind ja kein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, sonst wär ich
ja zu Ihnen gekommen, aber so musst ich einen anderen
ranlassen, dat Spiel kennen Se ja. Man braucht, wenn man
nicht beständig in seinen Krankheiten, bestimmt zehn
Ärzte. Und dat fällt dann praktisch su aus, dat einer die
Symptome verjagt und der andere kriegt se. Ja, is et nit 11
esu? Sie als Internist haben et noch gut, denn intern ist ja
das meiste, und dat sieht man alles nicht. Da kann man
nur spekulieren. Drum geht et bei Ihnen auch immer am
geheimnisvollsten zu. Wenn man schon Ihre Assistentinnen
da all sieht, wie die rumlaufen und tuscheln, und man weiß
nit, ob die sich über deine Leber unterhalten oder über
deine Bauchspeicheldrüse, dat is schon ne schöne Krimi.
Ja, Sie lachen!
Gegen die Chemie sind ja die meisten Symptome machtlos,
da gehen die laufen. Würd ich auch tun. Wissen Se, ich hab
ens ne pharmazeutische Fabrik besichtigt, da träumen Sie
hinterher wochenlang von diesen Kügelchen und Stäbchen,
in allen Regenbogenfarben.
Herr Doktor, im Vertrauen gesagt, et gibt doch da diese
Kräuterfrauen, man holt se jetzt wieder aus ihren Verstecken.
Dat is meiner Meinung nach nit bloß ein Kostendämpfungsgesichtspunkt, sondern die Leute werden echt pillenmüde.
Und auch dat viele Röntgen, ich will Sie jetzt nit persönlich
verdächtigen, dat dat ein Hobby von Ihnen wäre.
Die anderen wieder schnallen dir diese Elektroden an den
Kopp, ob die Gehirnströme es vielleicht wagen, dat se da
Kapriolen schlagen.
Wissen Se, wat ich glaube?
Der Körper merkt sich dat alles, wat Se mit ihm veranstalten,
und dann wird der nachtragend. Denken Se, ich hätt damals
diesen Spiegel da runtergebracht? Nit emal unter Narkose. 12
Der wollt dat Dingen nit han, der. Wissen Se, wat die
aal Sauerampfer-Lina mit meinem Magen gemacht hett?
Die hett mit dem gesprochen. Die hett Tacheles mit dem
geredet, aber energisch, war se am Schänge. Und dat half!
Wir woren alle richtig kregel hinterher.
Nit, dat ich Ihnen sagen will, Sie sollen et machen wie die
Lina, können Se ja nit, Sie müssen ja auch noch auf Ihr
Ethos achten. Aber stellen Se sich bloß emal vor, Sie würden
anfangen mit Wunderheilungen. Keine Tabletten, keine
Anwendungen, keine Röntgenbilder, keine Kurzwellen, nix,
bloß: steh auf und wandle. Kostendämpfend, kostenlos.
Wat dat für ein Skandal wär für die Ärzteschaft und die
Industrie, dat ging rauf bis zum Dämfungsminister. Is doch
unmöglich!
Aha. Und dat soll ich schlucken? Zerkauen? Aha! Und dat
andere? Auftragen. Nicht einmassieren. Einziehen lassen.
Trocknen lassen. Nicht abkratzen. Klar?
Klar dat. Klar tu ich ich dat. Ich gurgel auch im Kopfstand,
wenn Se dat von mir verlangen. Tschö, Herr Doktor.
Migrationshintergrund
Um die Wahrheit zu sagen: Ich bin kein geborener Rheinländer.
Die wirklichen Kenner werden das schon bemerkt haben.
Es ist ja keine Schande, es ist allenfalls ein Manko, et is
ein Gefühl, wie wenn de dinge Pass verlore hättst, du
küst nit durch die Sperren, du fühlst dich wie nach einem
Ganzkörper-Screening.
Aber genau genumme biste auch als halber Rheinländer
ein voller Jeck, weil das rheinische Blut in der Schlacht der
Gene so gut wie immer dominant ausfällt.
Aber lassen wir die Biologie. Mein Vater, ein leidenschaftlicher
Steuerberater, der praktisch jede Steuerreform voraussah
– schon fast unheimlich war das seinen Klienten – war
Ostpreuße, nannte sich aber Pruzze.
Er blieb nach dem Krieg, wo er als Panzerfahrer eingesetzt war, am Niederrhein hängen. Dort traf ich ganz
unerwartet auf meine Frau, fünftes Kind einer Aachener
Dachdeckerfamilie. Von sechs Kindern wurden drei Spengler, der Rest Dachdecker, zwei mit Diplom.
Ich, zu dem Zeitpunkt ohne besondere Berufsausbildung,
ließ mich von der kupfer- und schiefer verarbeitenden
Familie am Rande des Kohlereviers derart blenden, dass 14
ich in sie einheiratete und durch wertvolle Hilfestellungen
zu einer florierenden Firma werden ließ.
Besonders Kirchendächer wurden meine Spezialität.
Ich kröne jetzt mein Lebenswerk mit der Erneuerung des
Daches von Sankt Pantaleon, jenes Heiligen, der »bei Gott
mächtig« genannt wird, der Doyen unter den vierzehn heiligen Fürsprechern.
Eine Konversion meiner selbst fand nicht statt, ich
und meine Frau Anna blieben bis auf den heutigen Tag
altkatholisch. Wenn das der Kardinal wüsste.
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