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Dietmar Leipoldt
Nach Norden
1957
Begegnungen in Skandinavien
Mit Zeichnungen »Aus den nordischen Skizzenbüchern« von Peter Caspary

Die Besonderen Hefte
Heftbroschur mit Schutzumschlag
Fadenheftung, 108 S., Euro 11,50
ISBN: 978-3-943940-34-3
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Die Besonderen Hefte werden eigenhändig in der Werkstatt des NordPark Verlages gesetzt, nach Bedarf in kleinen Auflagen auf dem Werkdruckpapier Schleipen gedruckt, dann handgefalzt und handgeheftet und in den Schutzumschlag aus dem feinen Schleipen-Vorsatzpapier des Papierherstellers Cordier aus Bad Dürkheim eingeschlagen.







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Zu Fuß durch den hohen Norden
Der Erzähler macht sich, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, "auf die Große Fahrt". Nicht wie viele in den Süden von Europa, er nimmt die winter-lichen Strapazen des hohen Nordens auf sich, bricht von Wuppertal aus (meist zu Fuß!) nach dorthin auf. Ein feiner Bericht, spannend und einfach lesbar, der sich stimmungsvoll mit der allgemeinen Gefühlslage "des Neuen Europas" beschäftigt. Eben der Nachkriegsgeneration, die bis heute das Gesicht unseres Kontinent mit gestaltet hat und dabei schon sehr früh wusste, daß dies nur auf friedlichem Wege möglich sein kann.



Ausführliche Leseprobe als pdf-Datei













Im Wanderer steckt einer der seine Entwicklung nicht beendet hat
Joseph Beuys




Heute


Lasse die Vergangenheit wieder leben,
sie kann dich zum Nachdenken bringen.


Eine Reise in die Vergangenheit, sie ist nicht mehr erreichbar, für alle Zeiten erloschen, doch die Erinnerungen sind geblieben, sind nicht erloschen.
Warum wirken die Erinnerungen anregend und sind in unserem Geist wieder zum Leben erweckt?
Zeiten mit ihren Eindrücken und ihrer Lebendigkeit sind es doch wert, uns mit Gedanken zu beschäftigen, aus denen wir lernen können, oder nur unsere Freude haben.
Die geschriebenen Begebenheiten und Erlebnisse sind wahre Ereignisse, erlebte Momente 1957:
1956. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich mich alleine trampend und zu Fuß in den Norden aufmachen, um mich zu finden, Entschlüsse zu festigen, aber auch Menschen und Länder kennen zu lernen, so ein damaliger Gedanke und Entschluss.
1957 war es so weit. Der Winter war relativ milde, der Januar kam, für mich hieß der Monat nicht Februar, sondern Aufbruch gegen Norden, wie die Singschwäne, die nach Norden ziehen.
Fortbewegung: Trampen, damals noch eine günstige Gelegenheit für junge Menschen von A nach B zu reisen, ohne großen Gefahren zu begegnen – Taschengeld? Gab es nicht!
Wuppertal – Hamburg, keine Aufgabe. Von Hamburg nach Frederikshavn (Dänemark), an einem Tag geschafft, dank einem Franzosen, der gerne Auto fuhr. Von Frederikshavn über den Kattegat bis nach Göteborg (Schweden). Die Überfahrt: eine bewegte See. Eine Nachtfahrt hatte ich gebucht, sie war kostengünstiger als eine Tagesfahrt. Dicke Schneeflocken und Sturm. Opfer an Neptun: reichlich. So reichlich, ich hatte das Gefühl die Galle würde mitgeopfert. Ich wollte sterben. So elend schlecht war es mir.
Und dann die erste Überraschung auf schwedischem Boden. Nach etwa zehn taumelnden Schritten war die Seekrankheit wie weggeblasen.
Das Leben hatte mich wieder. Von Göteborg bis Stockholm: zwei Tage getrampt, ich war in Stockholm. Die erste Karte nach Hause wurde geschrieben. Erlebnisse in Stockholm, nein, da bleibe ich nicht.
Der Vorsatz war dann gewachsen, ab Stockholm nur noch zu Fuß, jeden Tag 50 bis 60 Kilometer gehen, für mich kein Problem, ich hatte von meinem 12. Lebensjahr an meinen Körper immer stark gefordert, jetzt war ich gerade mal 18 Jahre.
Die Strecke hatte ich mir nicht zurecht gelegt, aber Kartenmaterial von Nordnorwegen und Finnland in Stockholm gekauft.
Der Weg führte mich von Stockholm aus an dem Bottenviken (Botnischer Meerbusen) entlang bis nach Luleĺ. Weiter über Jokkmokk, Svappavaara, Kiruna am Torneträsk vorbei bis nach Narvik, von dort über die Königliche Hauptstraße Nr.: 6 über Tromsö, Alta, Hammerfest, Lakselv, Karasjok, Karigasniemi, Inari, Ivalo, Sodankylä, Rovaniemi, Kemi, Oulu, Kuopio, Mikkeli und wieder zurück nach Kuopio.
Hätte ich vorher gewusst, welche Schneemengen, Tiere, Fährten, Kälte, eisige Winde ich sehen und erleben würde, hätte ich dennoch die Reise angetreten? Ein klares Ja ist darauf die Antwort.
Und nun soll es losgehen mit den Geschichten, die hoffentlich zum Schmunzeln, Nachdenken und Staunen anregen.



Aufbruch

Wenn man 1957 – so hieß es damals: Auf große Fahrt ging. Wer, warum, wohin ging damals die Große Fahrt?
1957 herrschte Aufbaustimmung. Die zerstörten Städte durch den Bombenhagel, Tiefflieger, Flakbeschuss wurden wieder aufgebaut, damit auch die Bevölkerung, die in Baracken und Kellerlöcher noch lebten, wieder ein stabiles warmes zu Hause hatten.
Die Menschen, die den Krieg überlebt hatten, suchten wieder Zerstreuung und Genuss ohne Reue und ohne Angst vor Bomben und Granaten. Theater, Opernhäuser, Konzertsäle öffneten ihre Tore, Filme wurden gedreht und gespielt, Tanzveranstaltungen fanden wieder statt. Die gehobene Gastronomie fand wieder Auferstehung. Was es nicht offiziell gab, wurde in den Nachkriegszeiten vor der Währungsreform 1948 auf dem Schwarzmarkt besorgt und gehandelt.
Die Ansprüche waren in der Regel bescheiden. Wohnungen hatten bescheidene Grundrisse, Wohn/Küchenraum als eine Einheit, Schlaftraum und Flur und einem WC-Raum. Wenn es sehr anspruchsvoll war, kam noch ein Zimmer für die Kinder hinzu. Gekocht wurde auf einem Kohlenherd, selten waren Gasherde. Aber, die Ansprüche stiegen, die alten Herde wurden gegen Dauerbrenner und Gasherde ausgetauscht. Damals sprach man von Wellen, wenn man die einzelnen Anschaffungen, die gleichzeitig von vielen Menschen getätigt wurden benennen wollte. Fresswelle, Ofenwelle, Kühlschrankwelle usw.
Wir wohnten in einem Haus mit 8 Mietparteien. Einem selbstständigen Kegelbahnbaumeister mit Frau und Tochter, einem selbstständigen Fuhrunternehmer mit zwei Lastwagen und einem Angestellten, einem Gas- und Stromableser der Wuppertaler Stadtwerke mit Frau und Tochter, einem Rentner mit Frau und zwei Söhnen, einem Buchhalter mit Frau, einem Drucker mit Frau und Sohn, einem Straßenbahnfahrer mit Frau und Sohn, einem Betriebsleiter mit Frau. Eine bunte Gruppe Menschen, die sich alle sehr gut verstanden, sich gegenseitig halfen. Einen sogenannten Dün­kel gab es nicht. <> Die Jugend sprach davon: Wir hatten Krieg, mussten nach den Befehlen der Diktatur mit ihren Schergen tanzen, jetzt konnte man tun und lassen was man machen wollte. Es durfte aber nicht strafbar sein. Freiheit hieß das Zauberwort, verbunden mit Selbstfindung und Selbstbestimmung. Vor Beginn der Weiterbildung oder der Berufswahl war dies angesagt. Einige jungen Leute aus meinem Freundeskreis gingen nach Afrika, Indien oder Frankreich, ich machte mich auf, ich wollte nach Skandinavien, nach Schweden gehen, vielleicht nach Norwegen und Finnland. Ich lernte Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland kennen.
Wie sah die sog. Ausrüstung aus, was nahm man mit, was hatte man an?
Aus Armeebeständen der Amerikaner waren Schlafsäcke und wasserdichte Ponchos unter der Hand zu besorgen, aus den deutschen Wehrmachtsbeständen waren die Affen – tragbare militärische Rucksäcke – zu bekommen. Rucksäcke wa­ren Exoten, nicht zu bekommen. Ich hatte auch auf krummen Wegen mir diese Sachen besorgt. Heute werden solche Wege als Netzwerk getitelt. Der Schlafsack wurde zusammengerollt auf ein Maß von 18 cm Durchmesser und einer Rollenlänge von 30 cm, der Poncho hatte ein Maß von 1,80 m im Quadrat. Man konnte sich den Poncho überhängen als Regenschutz, sich darin einwickeln, der Schlafsack war ja nicht wasserdicht. Einen wasserdichten Daunenschlafsack, so etwas gab es noch nicht. Von guter Qualität waren die Überfallhosen, die hatten auch die Skispringer in den Filmen von damals an. Socken, hohe Schuhe, Pullover, Unterhosen, Hemden, Taschentücher jeweils 2 Stück – Papiertaschentücher gab es auch noch nicht. Neben der Baskenmütze, Kartenmaterial, Gitarre mit den Jungenschafts-Liederbüchern. Die Jungenschaftsjacke – die JUJA – hatte man an. Eine kleine Kladde und Bleistift und Blaustift, um die Erlebnisse aufzuzeichnen und Streichhölzer, um Feuer anzuzünden.
Handy: gab es nicht. Es gab die Post, die man nutzen konnte, um nach Haus zu schreiben, oder man konnte postlagernd Post von daheim bekommen. Anrufen per Telefon kannte man nicht, die Durchwahl war für die Bevölkerung noch nicht eingerichtet.
Einen Brustbeutel hatte man, darin wurde das Reisegeld deponiert und nicht vergessen durfte man auch den Personalausweis und den Reisepass. Die Erlaubnis der Eltern, dass man reisen durfte, fand ebenfalls im Brustbeutel Platz.
Die Reiseeinverständniserklärung war notwendig, weil man mit 18 Jahren nicht mündig war, erst mit 21 Jahren durfte man über sich selbst bestimmen. Den Reisepass musste man an jeder Grenze vorzeigen, er wurde mit Einreise und Ausreisestempel bei jedem Grenzübertritt gestempelt.
In meinem Brustbeutel waren bei der Abreise 300 DM, die mühsam verdient, deponiert.

Stockholm – Schwedens Hauptstadt
Eine herrliche Stadt, unbeschädigt durch Kriege, mit alten wunderschönen Bauten im mehr südlichen Teil Schwedens gelegen, direkt am Bottnischen Meerbusen. Viele Inseln, verbunden mittels Straßen und Wege, überall Wasser, die Sommersonne erreicht jeden Winkel der Stadt, auch die Altstadt, die Gamla Stade, wie die Schweden sie nennen.
Am vierten oder fünften Tag, nachdem ich von Wuppertal aus getrampt bin, habe ich Stockholm erreicht. Mein Weg führte mich von Wuppertal nach Hamburg, weiter durch Dänemark bis nach Frederikshavn, von dort mit einer großen Fähre über den Kattegat nach Göteborg. Von Göteborg nach Jönköping, von dort aus nach Stockholm. Eine sehr gute Jugendherberge, ein ausgedientes Segelschiff, ein festvertäutes Schiff an einer Insel, gegenüber einem Palast, indem die Königliche Familie zeitweise wohnte, wenn sie nicht einem der Feriendomizile einen Besuch abstatteten. Ich bekam eine Koje zugewiesen mit Bullauge und konnte über das Wasser sehend den Palast und die Nebengebäude liegend betrachten. Die Jugendherberge gibt es heute noch, ob es dasselbe Schiff ist von damals? Ich weiß es nicht. Die Jugend aus verschiedenen Herren Länder waren auch 1957 zu Gast auf diesem Schiff. Etwa 20 junge Leute, 17 bis 21 Jahre alt oder jung waren aus England, Spanien, Frankreich und ich aus Deutschland in Stockholm gelandet. Damals, 1957, hatten wir Jugendliche noch nicht eine gemeinsame Sprache gefunden, wie es heute normal ist, Englisch miteinander zu sprechen. Auch die geistig zerbombten Brücken mussten wieder im Kopf neu erbaut werden. Man darf nicht vergessen, die Aversionen gegen die Anderen waren gegenseitig noch lebendig, wenn auch in kleinen Dosierungen. Wir junge Menschen gaben aber nichts darum, wir wollten frei sein, unser Leben gestalten, es besser machen als die Alten, vor unserer Zeit. Aber es gab Aversionen. Ein Beispiel: So auch in Stockholm. Ich fragte einen Herrn nach einer Straße in Stockholm, er schaute mich an, fragte: Tysker? Ich bejahte, er spuckte vor mir aus, drehte sich um und ging ohne ein Wort. Oh Gott war ich berührt, ich hatte doch das schreckliche Elend des Krieges nicht verursacht, ich konnte nicht dazu, was die Nazis für Verbrechen begangen hatten, ich war sechs Jahre als der Krieg zu Ende war.
Eine andere Begegnung im freien und toleranten Schweden. Man sah Auslagen in den Schaufenstern die nach den 68er Jahren in Deutschland von Beate Uhse bekannt gemacht wurden. Auf der Straße küssten sich herzlich, innig und intensiv zwei Männer am helllichten Tag, ich wusste nicht, wohin ich schauen sollte. Für die Schweden kein Problem, sie gingen ohne Beachtung an den beiden Männern vorbei.
Schlagfertigkeiten habe ich auch gesehen, nein, nein nicht gehört, gesehen. Ein Auto nahm einem anderen Auto die Vorfahrt in der Gammle Stad, es war ja noch Winter, auf den Straßen lag noch Schnee. Beide Autos hielten an, beide Männer stiegen aus ihren Fahrzeugen, der beinahe Geschädigte holte aus und gab dem beinahe Verursacher eines Schadens einen Kinnhaken, es knallte richtig! Der beinahe Geschädigte stieg in sein Auto und fuhr davon. Der den Kinnhaken erhalten hatte, schüttelte seinen Kopf, stieg ebenfalls in sein Auto und fuhr in eine andere Richtung davon. Ich höre heute noch das Knallen des Kinnhakens, wenn ich an dieses Erlebnis denke.
Mein Plan war ursprünglich hier in Stockholm zu bleiben, mir eine Tätigkeit zu suchen, vielleicht zu studieren, vielleicht sesshaft hier zu werden. Ein Jahr intensive Sprachenstudien der schwedischen Sprachen sollten ja nicht umsonst sein. Aber nach diesen Eindrücken in Stockholm und nur das gesüßte Brot, es gab kein anderes Brot, nein ich musste weiterziehen. Aber es war Winter. Es war kalt, es lag überall viel Schnee. Ich kaufte mir ein Paar aus ungewaschener Schafwolle hergestellte Fäustlinge. Ich hatte erfahren, dass ungewaschene Schafwolle durch das Fett die Hände sehr gut wärmen und auch die Nässe abstößt. Ich blieb noch einige Tage in Stockholm, sprach über meine Eindrücke mit den anderen Gleichalterigen über meinen Plan weiter zu ziehen. Nach dem vierten Tag in Stockholm stand mein Entschluss fest, ich wollte weiterziehen, diesmal aber zu Fuß, der Winter war ja noch da, schnell voran zu kommen wäre nicht gut gewesen.
Wie jeden Abend wurde viel Musik gespielt und gesungen. Zum Tagesabschluss sangen wir wie gewohnt jeder in seiner Muttersprache: Nun Brüder eine gute Nacht, der Herr im hohen Himmel wacht, in seiner Güte er uns behüte & …
Am nächsten Tag fing der lange Marsch an, im Nachhinein gut, dass ich so gut trainiert war und mich sehr gut in der Natur zurecht finden konnte.

Norwegen, auf der Königlichen Hauptstraße Nr.: 6 unterwegs, oberhalb der Lofoten
Im Gebirge in Norwegen, im Winter zu Fuß, da muss man mit allen erdenklichen Schwierigkeiten rechnen, die man aber meistern muss. In jungen Jahren mit 18 Jahren voller Optimismus, stark, zuversichtlich, an sich selbst glaubend, ging ich jeden Tag 50 bis 60 Kilometer, d.h. min. 9 Stunden pro Tag. Es war März, langsam war der Wechsel vom Winter zum Frühjahr fällig. Die Leute waren im Straßenbau tätig, schaufelten die Straßen frei von 4 bis 6 m hohem Schnee. Klug und erfahren mit den Witterungsverhältnissen hatten sie große Fräsmaschinen, die langsam, aber stetig die weiße Pracht locker frästen und seitlich wegbliesen. Laut war es in der Wildnis, wo man sonst seinen eigenen Blutkreislauf rauschen hörte. Geistesabwesend in sich gekehrt und trotzdem wach achtete man im Unterbewusstsein auf möglich auftretende Gefahren. Es konnten Bären, Wölfe und Vielfraße erscheinen. So ging man zügigen Schrittes durch eine Landschaft von Schneewänden, die nur den Blick freigaben, wenn man auf den Berghöhen ankam und dann die freie Sicht wahrlich genoss. Zu den Sinneseindrücken muss ich noch einiges erzählen. Keine Abgase, keine elektrischen Leitungen oder Kabel, keine Hinweisschilder, kein Benzin- oder Dieselgestank. Es duftete frisch nach Schnee und Gestein. Die Wasserfälle entstanden durch die beginnende Schneeschmelze. Ihre Wassermassen rauschten von den Bergen im hohen Bogen über die Straße hinweg in den Fjord hinein. Strecken von 500 m, kraftvoll, geräuschvoll wurden bewältigt. Die Stadtmenschen vermissen diese Naturschauspiele nicht, wenn sie sie aber sehen, bleibt ihnen der Mund offen vor lauter Staunen und Begeisterung.
Plötzlich wieder ein Stopp. Vor mir ein Ungetüm von Schneeräummaschine. Zwei Männer, die ihre Arbeit im Straßendienst verrichteten. Neben der Straße ein Holzhaus, bestimmt für die Straßenleute zum Aufenthalt während der Dienstzeit. Mal sehen!
Wer bist du, wo kommst du her, wohin willst du, hast du keine Skier, du bist verrückt alleine in der Wildnis. Heute kannst du sowieso nicht mehr weiter, einen Tag noch fräsen, dann treffen wir unsere Kollegen von der anderen Seite, die uns entgegen fräsen. Du bleibst solange bei uns, kannst bei uns übernachten. Kannst schon mal ins Haus gehen und den Ofen heizen, wirst du bestimmt können, wer wie ein Verrückter im Winter in dieser Wildnis rumläuft, muss auch einen Ofen heizen können.
Na, das waren aber bestimmende Laute, lange nicht mehr gehört, aber ein wenig hatten sie ja auch recht und sie sprachen mit ihrem Herzen, ehrlich und geradeaus, ohne Umwege. Mir blieb folglich nichts anderes zu tun, als auf die Männer zu hören, sie meinten es bestimmt gut mit mir. Hoffentlich!
Verschone dein Essen, wir haben genug hier, wir teilen mit dir, es reicht für alle, aber nach dem Essen musst du uns vorspielen, hoffentlich kannst du auch singen und uns deine Lieder vortragen! Im damaligen Repertoire waren überwiegend die Lieder der Bündischen Jugend. Und die in Deutschland und im nahen Ausland gesammelte Lieder. Viele deutsche Jugendlieder, russische Kosakenlieder, Lieder aus den Skandinavischen und Baltischen Ländern. Ob die Aussprachen der Liedertexte immer korrekt und richtig waren, sei dahin gestellt.
Wir aßen Pellkartoffel, Salz, Butter, Zwiebel, und Fisch geräuchert, Stockfisch, weich geklopft, als Nachtisch. Die Männer waren sehr großzügig und teilten mit mir, was sie hatten.
Nach dem Spiel und Gesang, es fand sogar Anklang, musste ich von Deutschland erzählen, Fragen beantworten die die Politik, den Wiederaufbau usw. betrafen. 1957 war das Riesenelend des Krieges noch in allen Gedächtnissen und präsent. Gott sei Dank hatten die beiden Männer keinen Hass auf die Deutschen, obwohl die deutschen Soldaten während des Rückzuges den Befehl hatten, verbrannte Erde zu hinterlassen. Alle Bauten, Brücken, Unterstände wurden gesprengt, Wälder mit den Flammenwerfern verbrannt. Viele Häuser der Einheimischen angezündet. Furchtbar haben manche Soldaten gewütet, aber auch besonnene Soldaten haben beruhigend auf ihre Kameraden Einfluss genommen und viel Leid damit verhüten können.
Am späten Abend, die Stimmung war bedrückend. Bei den Männern kamen die Erinnerungen wieder auf. Ich erzählte von den über 700 Flugzeugen die in einer Nacht meine Heimatstadt Wuppertal bombardierten und über 4000 Menschen getötet haben, ganze Stadtviertel in Schutt und Asche legten, der Himmel vom Feuer blutrot war, dazu wurde der Wind immer stärker durch das Feuer. Bücher flogen verkohlt und verbrannt durch die Luft. Es sind schreckliche Momente die sich in die Gehirne und auch in mein Gehirn unauslöschlich eingenistet haben.
Draußen, durch die Scheiben der Baracke gesehen, flackerte das Polarlicht gespenstisch in Grün- und Blautönen. Der eine Mann der immer sehr bestimmend sagte, was geschehen sollte, sprach mit leiser Stimme und sehr langsam von einem Erlebnis, das ihn sehr belastet hat. Er war 4 Jahre, er wurde von den deutschen Soldaten mit seinen Eltern aus ihrem Haus gejagt. Er lief weg, sein Vater sagte ihm noch, lauf Junge lauf, er versteckte sich in einem Gebüsch und musste mit ansehen, wie seine Eltern von einem deutschen Soldaten erschossen wurden. Dieses geschilderte Erlebnis des Jungen, jetzt erzählt mit allen traurigen zugelassenen Gemütsbewegungen –geweint wurde nicht – erschütterte unsere drei Seelen sehr stark. Hier hatten sich zufällig Menschen getroffen deren Eltern, Freunde, und Verwandte furchtbare Geschehnisse erdulden mussten.
Mein Schlafsack gab mir etwas Geborgenheit, trotzdem kamen Gedanken und Ängste auf. Der Mann, dessen Eltern vor seinen Augen erschossen worden war, hatte er wirklich keinen Hass mehr auf alles, was Deutsch war? Stieß er mir vor Hass sein Messer ins Herz, warf mich anschließend in den Fjord, kein Hahn würde mich hier finden oder hier vermissen. Man steigert sich in negative Gefühle, möchte fortlaufen, geht aber nicht, wachbleiben, damit man sich wehren konnte …
Gut gesagt, Morpheus nahm sich meiner an und lies mich tief und fest schlafen.
Am Morgen weckte mich der Kaffeeduft auf. Wir aßen zusammen und genossen den neuen Tag.
Vier Stunden später, nachdem wir das letzte Brot gegessen hatten, sich die Schneeräumkollege von beiden Seiten begrüßt hatten, verabschiedeten wir uns herzlich voneinander, wir wünschten uns gegenseitig, dass wir keine Kriegserfahrungen in unserem Leben noch machen müssten.
Starke, seelisch gefestigte Leute, diese Männer. Hatten einem 18jährigen jungen Mann aus dem Volk, das in Norwegen solche grausamen Taten vollzogen hatten, bei sich aufgenommen, ihm zu essen und zu trinken gegeben, ihm eine Pritsche zum Schlafen hingestellt.
Ich hatte sehr viel dazu gelernt, meine Überlegungen für die Zukunft nahmen Gestalt an.













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E-Mail: miersch@nordpark-verlag.de

Webmaster: Alfred Miersch




Info:
Dietmar Leipoldt
1938 in Wuppertal geboren. Nach Schulbesuch und Lehre einjähriger Aufenthalt in Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland. Nach Erlangen der Hochschulreife und Studium in Köln zweijährige Tätigkeit im Angestelltenverhältnis in der Planung und Bauleitung im Bereich TGA (Technische Gebäudeausrüstung). 1970 Gründung eines Ing.-Büros TGA. Berufliche Tätigkeiten im In- und Ausland, Planung von Industrieanlagen, Brauereien, Verwaltungen, Schulen und Museen. Eigene technische Entwicklungen im Bereich Raumlufttechnik und heizungstechische Anlagen.
Neben den beruflichen Tätigkeiten Exkursionen nach Rumänien, Türkei, Skandinavien und Deutschland, Schwerpunkt Ornithologie und Botanik.
Privatstudium der finnischen Sprache. 2017 erschien die von ihm verfasste Repetion: Sprachstruktur finnisch.


Peter Caspary
1953 in Wuppertal geboren. 1974 – 79 Designstudium an der Bergischen Universität in Wuppertal, Illustration/Freie Grafik bei den Prof. Wil Sensen und Prof. Gerd Aretz. 1979 Diplom als Designer, 1980 – 84 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf, Klasse Freie Grafik. 1984 Meisterschüler bei Prof. Rolf Sackenheim. 1986 – 89 Lehraufträge an der Universität in Dortmund. 1992 – 1995 Werkstattleiter für Künstlerische Druckgrafik an der Bergischen Universität Gesamthochschule Wuppertal. Teilnahme an internationaler Grafik–Biennale, Pina-Bausch-Preis, Wuppertal. Internationaler Kalenderpreis, Stuttgart. Goldmedaille, Grafikschau Osaka/Japan. Lebt und arbeitet in Wuppertal.
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