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Andreas Steffens
Anthropoesie
Gedankendichtung und Menschendenken
Das Paradigma Elazar Benyoëtz

Die Besonderen Hefte
Heftbroschur mit Schutzumschlag
92 Seiten, 2019, handgeheftet, EUR 10.50
ISBN 978-3-943940-56-5


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Zu werden, was wir sind
Unbestimmbar geworden, bleibt, vom Menschen zu sprechen. Das welt-historische Auftreten des Unmenschen macht Anthropologie unmöglich, und notwendig zugleich. Wo der Philosoph nicht weiter weiß, ist der Dichter längst angekommen. Das Sprachdenken des jüdischen Dichters Elazar Benyoëtz gehört zur erst wenig profilierten Gattung einer "Anthropoesie". Indem es Judentum noch einmal als deutsches Sprachkunstwerk ausspricht, erinnert es paradigmatisch an die Urstiftung des Menschendenkens in der Theologie des ›Bundes‹. Menschsein ist eine Aufgabe: zu werden, was wir sind, das wir nur sein können, wenn wir es wollen.











Leseprobe


Vorweg


     Ein Schriftsteller kann das Thema, das ihn
     gefangenhält, nicht wählen; es wählt ihn.
             Georges Steiner, Sprache und Schweigen




Man denkt nicht nur nicht alleine; man denkt nur mit anderen. Und gegen sie. Nie aber ohne die, die dasselbe bedenken. Dazu gehören jene, die es anders, wie auch die, die anderes denken. Kein Gedanke betrifft allein, worauf er sich bezieht. Jeder führt eine Erhellung mit sich, an die mit ihm selbst gar nicht gedacht sein muß. Alles enthält mehr, als mit ihm gewollt wird.

Dieser Überschuß eines Werkes begründet seine Bedeutung nicht weniger als das Gelingen seiner beabsichtigen Leistung. Was wir wollten, ist weniger als das, was wir geleistet haben werden, wenn es gelang. Auf dieser unwillkürlichen Selbstüberflügelung beruht jede Wirkung. Ohne sie gäbe es keine Zündung einer Rezeption zu neuer Produktivität. Der Überschuß im Geleisteten verrät, was zu tun noch übrig ist. Oder zeigt, was es schon gibt, ohne schon ausreichend beachtet worden zu sein. Mit der Herausgabe des »Büchleins vom Menschen«, das Elazar Benyoëtz 1990 seinem Freund Ulrich Sonnemann als Beitrag zu dessen Festschrift anläßlich seines achtzigsten Geburtstages gewidmet hatte, als selbständiger Schrift befaßt, trat mehr und mehr die Beziehung des sich dabei erschließenden Bedeutungsfeldes zur eigenen Arbeit hervor. Die Entschlossenheit, Adornos ›Rettung‹ der Metaphysik in ›Ästhetische Theorie‹ genau die anthropologische Einsicht zuzutrauen, die er ihr als Verächter aller Anthropologie grundsätzlich abgesprochen hatte, führte zum Konzept einer anthropologischen Ästhetik, der ›Anthropoästhetik‹. In deren Perspektive wahrgenommen, wird das Sprachwerk von Benyoëtz nicht nur als Beitrag zu Sonnemanns Geschichtsdenken, zu dem es auf den ersten Blick kaum eine Beziehung zu unterhalten scheint, so deutlich lesbar, wie er selbst sie in seinem Festschriftbeitrag gesehen wissen wollte. Vor allem tritt in ihr dessen eigener Beitrag zu der apokryphen Gattung einer ›Anthropoesie‹ hervor. In ihm wird Gedankendichtung zu einer Gestalt, zu denken, was ein Mensch ist.

Ein Nachwort aber muß sich enthalten, zur Abhandlung in eigener Sache zu werden. Vom Eigenen im Anderen darf, soll es handeln; nicht vom Anderen als Teil des Eigenen. Gleich, wie sehr die Bezüge sich bei der Ausarbeitung des Nachwortes auch anskristallisieren mochten. Davon zu handeln, war einer eigenen Studie vorzubehalten. Sie wird nun mit diesem Versuch unternommen.

Das Denken des Freundes war von der Geschichte so bestimmt, wie beider Leben von der Erfahrung des Nationalsozialismus, der nicht nur die deutsche epochal prägte. Seither stand mehr als nur eine »Neudefinition der Kultur« an, die Georges Steiner als erster unternahm (Steiner, Blaubarts Burg), sondern eine neue Anthropologie. Zu deren Begründung trug das große interdisziplinäre Werk, das Hans-Georg Gadamer unter diesem Titel anregte, erst irritierend wenig bei. Für Sonnemann stand außer Frage, daß die »Exzentrik« des Nationalsozialismus weniger ein politisches, als ein anthropologisches Problem war. Daß er diese Identifikation des bis heute als ›unverständlich‹ Geltenden in seiner großen Studie zur Kritik der deutschen »Sprachlosigkeit« äußerte (Schulen, 32), schlägt das innerste Motiv präzise an, das zwischen seinem und dem Werk Benyoëtz’ oszilliert: die neuen Aufgaben des Denkens der Sprache selbst aussichtsreicher anzuvertrauen, als dem Diskurs der reinen Begriffe (vgl. Steffens, Ermutigung). Diese haben zu erschließen, was in ihr an Erfahrung dessen erscheint, was die Geschichte an Bewußtsein zerschlug.

Benyoëtz’ »Filigranit« enthält eine Zusammenstellung früher Apho­­rismen, begleitet von Kommentaren Werner Krafts – einer der letzten Figuren einer sich als chimärisch erweisenden deutsch-jüdischen Symbiose in der Dichtung, Bibliothekar in Hannover, von Stefan George und Rudolf Borchardt zu eigenem Dichtertum geführt, nach Palästina rechtzeitig emigriert, Essayist und Prosaschriftsteller von Rang – und dessen Andenken gewidmet: »Nadelind Oder: sehr schön, aber was ist das?«.

Dort steht: Rom wie Jerusalem sind nur noch über Auschwitz zu erreichen
WK: entsetzlich wahr, und doch frage ich, ob es wirklich wahr ist. Und habe keine Antwort.

Das Geschehen am Rand jener Kleinstadt der polnischen Provinz unter deutscher Okkupation hat die »Provinz des Menschen« (Elias Canetti) neu bestimmt – ohne daß sich daraus eine Bestimmung des Menschen ableiten ließe. Im Gegenteil: es hat seine unbedingte Unbestimmbarkeit in jeder Hinsicht zur Grundlage dafür gemacht, Menschsein nach der Verwerfung aller an dessen Idee gebundener Verbindlichkeiten, die Menschen einander abverlangen, bedenkbar zu erhalten. Anthropologie begann mit dem ›Gesetz‹vom Berge Sinai; sie endete, und hatte neu zu beginnen, mit der Menschheitserfahrung der Shoah: der Aufkündigung jeden Gesetzes in jedem Sinn.

Nun ist ausnahmslos alles anthropologischen Ranges, was in der Schreckensleere verlorener Gewißheiten über Menschsein unterrichtet. In Dichtung selbst steckt immer schon Anthropologie so sehr, daß es zur Aufgabe philosophischer Ästhetik wird, sie zu erschließen, seitdem die Erfahrung der Geschichte die Philosophie zwang, ihre Überzeugung von der Gültigkeit ihrer eigenen anthropologischen Bestimmungen aufzugeben.

Der mythische Tiefsinn als Reflex des Melancholikers gegen die Weltfremde, der Gottfried Benn den Nationalsozialismus im Widerspruch zu seiner eigenen Konstitution so grotesk verkennen ließ, hat ihn nicht gehindert, die neue Dimension der Poesie zu spüren, die ihr durch dessen Einbruch in die Geschichte zuwuchs, als er sich, Novalis zitierend, zur romantischen Idee der Kunst als einer progressiven Anthropologie bekannte (Benn, Probleme der Lyrik, 1065). Aber es ist nicht nur Spätwirkung romantischen Erbes, den Künsten der Sprache, der Dichtung und Literatur, zuzutrauen, die Einsichten zu enthalten, die sich der Arbeit des Begriffs im Horizont der Erfahrung der Geschichte verweigern.

Was und wie immer Anthropologie in Zukunft noch, wieder, sein kann, ohne die Wiederentdeckung der poetischen Philosophien und der philosophischen Poesien wird sie grundlos bleiben. Benyoëtz‘ Werk gehört zu den wesentlichen Referenzen einer fälligen Poetik des Menschendenkens.

Der Romancier Ulrich Peltzer, für dessen eigenes Werk der Grenzverkehr zwischen Literatur und Philosophie unentbehrlich ist, hat den besonderen Gestus des benyoëtzschen Werkes gleichsam mit beschrieben, als er in seinen Frankfurter Poetik-Vorlesungen das Verfahren kennzeichnete, das Joyce im »Ulysses« verwendete. Der Mensch als Fluss seiner Sprache, das Subjekt montiert aus Redeweisen und jenen Sorten von Text, jenen Worten und Sätzen, die zu gegebener Zeit in einem Kopf herumrauschen und sein konkretes Dasein veranschaulichen, es sozusagen lesbar machen durch dieses Material hindurch (Peltzer, Angefangen, 31).

So treten im Sprachdenken Elazar Benyoëtz’ die Konturen der Anthropoesie zutage. Davon handelnd, gibt diese Studie als ein Stück ›angewandter‹ Anthropoästhetik ein Präparat dieser verborgenen Gattung der literarischen Immanenz. Sie tritt auf, wo immer Erfahrung des menschlichen Daseins sich sprachlich äußert. Menschen machen Dichtung; die Dichtung aber macht den Menschen, indem sie zwar nicht zeigt, aber mit jedem Wort, das sie spricht, zu erkennen gibt, was er ist. Das meint der doppelte Genetiv im Untertitel dieses Versuches. Es kann eine Anthropologie der Dichtung geben, weil sie selbst immer, gleich, wovon sie spricht, anthropologische Aussage ist.

Meine eigenen Bemühungen um eine neue Anthropologie – die auch akademisch zu fördern Ulrich Sonnemann mich an die Universität Kassel holte, wo sie nach dessen Tod an kollegialem Desinteresse und einer geisteswissenschaftsliquidatorischen ›Universitätsreform‹ zwar nicht ihr eigenes Ende, aber das vorläufige ihrer akademischen Wirkung fanden –, führten schließlich zur Perspektive der »Ontoanthropologie« als einem Versuch, das Unverständliche an der Geschichte durch die Bestimmung dessen, was an Nichtmenschlichem als unvermeidlichem Moment im Dasein wirkt, verständlich werden zu lassen. Denn der Totalitarismus ist als Herrschaft des Unmenschen kein nur anthropologisches, sondern ebenso ein ontologisches Rätsel (Georges Steiner, Sprache und Schweigen, 9).

So ist dieser Versuch nicht nur eine Studie über die Anthropoesie Elazar Benyoëtz’ in deren Bezug zum Denken Ulrich Sonnemanns. Sie ist auch eine Vergewisserung der eigenen Perspektive in der Wiederaufnahme von Anthropologie, wie sie sich inmitten des hier bedachten Bedeutungsgeflechtes darstellt. Es durchmessend, geriet meine Arbeit am Nachwort zum »Büchlein« selbst zu einem, eigene veröffentlichte, und noch zu schreibende Bücher umgreifend, die Bezüge umschreibend, die mir durch die Begegnung mit den beiden so grundverschiedenen und doch tiefverwandten Geistern zu-, und sich zu eigenen Versuchen auswuchsen.

Er ergänzt und versetzt in einen umfassenderen philosophischen Rahmen, was Elazar Benyoëtz in seinen Schriften, deren Verfahren gleichsam spiegelnd, selbstkommentierend an Referenzen, Aufnahmen und Fortsetzungen offenlegt, die sein originäres Genre der Zitat- und Eigenschrift-Collage bilden.

Was er an Annette Kolb rühmte, ein fast unüberschaubares Geflecht von Beziehungen, die Kunst des ›Verflechtens‹ (Vielzeitig, Nr. 113, 124 f.), charakterisiert sein eigenes Werk genau. Dem mag dieser Versuch in seinem eigenen rhizomatischen Verfahren korrespondieren. Was Claude Simon vom Schriftsteller überhaupt feststellte, gilt auch für den philosophischen. Sprache und Schrift »sagen nichts aus«: sie e n t d e c k e n. Sie besitzen ihre eigene Dynamik, die den ersten Einfall des Schriftstellers in unvermutete Richtungen führt, und nur dort, im dichten Wald der Zusammenhänge, von denen er nichts ahnte, bevor er zu schreiben begann, findet er seinen ihm eigenen Weg (Simon, Tradition, Avantgarde, 200 f.).

Unterwegs zu einer Poetik des Menschendenkens Benyoëtz bedenkend, mußte ich wohl einen jener Satzbauten errichten, die auf dem Weg zum Wort entstehen (Büchlein, Satzbauernschlauheit).

So ist diese Begleit-Studie nicht nur eine ›erweiterte Fassung‹ des Nachwortes zum »Büchlein«, sondern die Anreicherung dessen, was aus ihm ausgeschieden werden mußte, damit es seine Aufgabe erfüllen konnte.

Benyoëtz sah in meiner Initiative, sein »Büchlein« als Buch erneut lesbar zu machen, den Wunsch, es einer neuen Lesergeneration zugänglich zu machen (Benyoëtz, Notiz, in: Büchlein, 91). Sollte es sie geben, fände sie hier den Umriß eines Kontextes, der ihm eine ›Aktualität‹ im Denken verleiht, die chronologische Zeitgenossenschaft überflügelt. Die Zeit, in der eine Einsicht fällig wird, ist selten auch die, in der sie schon wahrgenommen wird. Auszusprechen, was rückblickend als Einsicht, die an der Zeit war, die sie erforderlich machte, sichtbar wird, ist Aufgabe der Philosophie als einer Sprachkunst der Vergegenwärtigung dessen, was zum Bedenken der zeitlos aktuellen Frage, was das Menschliche sei, bereits beitrug, ohne sich schon als Wissen auszuprägen: die möglich, weil notwendig gewesene Einsicht aus ihrer Latenz heraus, und über die Schwelle der Verwirklichung zu heben.

Zum Verständnis des »Büchleins«, und des Werkes, das es repräsentiert, ist dieser Versuch nicht erforderlich; womöglich aber förderlich.






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