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Opfermann, Erich:
Paulus, der Räuber von der Rhön.
72 S.; fadengeheftet;
2004; EUR 5,50
ISBN 3-935421-03-6
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Leseprobe
Vom Gebaberg nordwärts bis zum Tal der Rosa parallel mit der Werra und Fulda zieht sich ein zur Vorderrhön gehöriger, breitrückiger Höhenzug, insgemein der Hahnrücken genannt.
Während das Plateau des Bergzuges im Westen gegen das Tal der Felda ziemlich steil abfällt, verflacht es sich im Osten zum Werratal in niedrige Hügel und Täler. Diesen östlichen Teil nannte man in früherer Zeit und noch heute, jedenfalls in Rücksicht auf seinen sandigen Boden das Amt Sand.
Schon von Alters her führten verschiedene fahrbare Wege aus demselben über den mit herrlichem Buchenwald gekrönten Höhenzug hinüber ins Tal der Felda. Einer läuft durch das auf dem westlichen Abhang liegende Dorf Kaltenlengsfeld, während sich ein anderer von Hümpfershausen aus oberhalb des einstigen Wilhelmiterklosters Sinnershausen emporwindet und quer über den Bergrücken führend in Wiesenthal mündet.
In der Mitte dieses Weges liegt, umgeben von fruchtbaren Feldern und Wiesen, der einsame Roßhof, früher eine Besitzung der Herren von Geyso auf Roßdorf.
Unweit des genannten Hofes stand vor alter Zeit noch ein zweiter, der Kohlbachhof, der aber in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts abgebrochen wurde. Seine Ländereien bilden jetzt einen Teil des Roßhofes.
Den letzgenannten Weg hinauf wanderten frisch, frei, fröhlich, wenn auch nicht fromm, die beiden Spießgesellen.
Unweit des Kohlbachhofes lenkten sie vom Wege ab, schlugen einen nach rechts führenden Fußweg ein und schritten einem dichten Gehölze zu, welches sich gegen den Klosterwald hinzog. Dort angelangt entledigten sie sich ihrer Bündel, warfen sich nieder ins weiche Gras und taten sich gütlich an den aus dem Hochzeitshause entführten Schätzen. Hierauf überließen sie sich sorglos dem Schlafe und träumten von neuen Taten, vielleicht auch von kalten Gefängnismauern, klirrenden Ketten und drohendem Galgen.
Die dunkle Nacht war längst einem sonnenklaren Tag gewichen. Millionen Tautropfen schimmerten und flimerten auf Gras und Blättern.
Aus den Haselnußsträuchern und dem dichten Unterholze in der Nähe des Kohlbachhofes ertönte das Morgenlied der zahlreichen gefiederten Sänger.
Muntere Rotkehlchen und neugierige Meisen huschten zwitschernd durch die Zweige und blickten verwundert auf die beiden Schläfer im taufrischen Waldgras.
Auf den beiden Höfen herrschte längst reges Leben und emsige Tätigkeit.
Aus der geöffneten Haustür des Kohlbachhofes trat ein junges, kräftiges Bauernweib. Sie war etwas nachlässig gekleidet, mochte die Frühe des Tages oder die Einsamkeit des Hofes daran Schuld sein; denn sie trug nur einen kurzen Rock und derbe Schuhe, jedoch keine Strümpfe. Ueber den Kopf war ein dunkles Tuch gebunden. Die Hemdärmel waren aufgestreift und ließen die runden, kräftigen Arme blos. Das Gesicht hatte eine rote, gesunde Farbe und war im Ganzen nicht gerade häßlich zu nennen, wenn auch der Begriff »schön« nicht anzuwenden war. Sie hatte einen Tragkorb auf dem Rücken und eine Sichel in den Händen.
»Wo gehst du hin, Hanne?« fragte sie ein aus dem Viehstalle herausschauender, schon etwas ältlicher Mann. Es war der Kohlhofbauer.
»Ich will eine Tracht Gras holen unten am Waschgraben,« lautete die Antwort der Frau.
»Dann beeile dich, Hanne; denn du weißt, ich muß heute vormittag noch nach Roßdorf zum gnädigen Herrn,« rief er ihr mürrisch nach.
Sie nickte mit dem Kopfe und rüstig ausschreitend, schlug sie denselben Weg ein, welchen die beiden Galgenvögel während der Fahrt genommen hatten.
Am Gehölz stand hohes Gras; denn es war Ende Mai und seither sehr fruchtbares Wetter gewesen. Sie warf den Tragkorb ab und schnitt mit großer Emsigkeit das taufeuchte Gras ab; dann und wann schritt sie auch in das Gehölz hinein, um die dort üppig wachsenden Waldkräuter zu gewinnen.
Plötzlich stieß sie einen leisen Schrei aus und wich erschrocken zurück, wobei ihre Blicke mit dem Ausdrucke des Entsetzens auf einem der schlafenden Strolche ruhten. Dabei entfiel die Sichel ihrer Hand und schlug klirrend auf einen der Basaltsteine nieder, welche in zahlloser Menge den Boden überall bedeckten.
Das Geräusch der fallenden Sichel weckte im Nu den einen Schläfer und brachte ihn auf die Beine. Es war Paulus.
Einige Augenblicke starrte der Dieb ins Gesicht des Weibes, dann sagte er verwundert: »Du hier, Hanne; wie kommst Du hierher?«
Der Schrecken hatte die Angeredete förmlich gelähmt. Sie vermochte keinen Laut hervorzubringen.
»Nun, du scheinst nicht sonderlich von meiner Anwesenheit erbaut zu sein,« stieß er hervor.
»Ich hatte dich nicht erwartet,« kam es zaghaft von ihren Lippen. »Was willst du hier?«
»Was ich hier will? – Hier will ich nichts; aber die alte Heimat und die alten Bekannten will ich wieder aufsuchen und vor allen dich, Hanne,« erwiderte der Dieb.
»Den Weg zu mir hättest du dir ersparen können, denn was früher zwischen uns bestand, ist vorüber,« entgegnete sie.
»Meinst du? Bist gar zu spröde geworden, Hanne,« sagte er höhnisch. »Ich hatte auf einen liebenswürdigeren Empfang gerechnet,« setzte er dann hinzu.
»Ein Räuber verdient keinen besseren,» stieß sie derb hervor.
»Hanne!« fuhr er grimmig auf, »laß' dein dummes Geschwätz; es könnte dich gereuen!« Dann seinen Groll bezähmend, sagte er weniger heftig: »Gib deinen Widerstand auf und sei wieder meine liebe Hanne, du sollst es gut dabei haben. Komm, reiche mir die Hand.« Dabei trat er einen Schritt auf sie zu.
Blitzschnell bückte sich das Weib, ergriff ihre Sichel und hob sie drohend in die Höhe. »Keinen Schritt näher,« rief sie drohend, oder die Sichel fährt dir in den Kopf. Geh wieder hin, wo du her gekommen biß, Hallunke! Ich werde mich nicht wieder von dir betören lassen.»
Betroffen blickte anfangs Paulus auf das kampfbereite Bauernweib, dann brach er in ein schallendes Gelächter aus und rief: »Seit wann bist du denn so fromm geworden, schöne Hanne? Das war doch früher nicht. Hast uns da so manches Mal aus der Klemme geholfen, wenn uns die Häscher auf dem Nacken saßen, und mir warst du ein so treues Lieb. Aber jetzt sage mir, wie kommst du auf diesen Hof? Bist du Magd hier?«
»Nein, ich bin die Frau des Bauern,« erwiderte sie kurz.
»Ah! in den heiligen Ehestand bist du getreten seit meiner Abwesenheit? Ei, wer hätte das gedacht!« spottete er. »Da muß man doch deinem Eheherrn gelegentlich erzählen, was für ein braves Weibsbild du früher gewesen bist. Das wird ihn gewiß freuen. Auch von deinem toten Kindlein, das wir am Baierberg vergruben, läßt sich noch etwas hinzufügen.«
»Das wirst du nicht tun, Paulus!« rief sie erblassend. »Du trugst ja an allem, was ich getan, die Schuld. Ich habe gebüßt genug die fünf Jahre für meine bösen Taten, und will noch ferner büßen. Stürze mich nicht wieder von Neuem ins Unglück, sondern verlasse die Gegend wieder. Ich will dir geben, was du forderst.«
»Das würd ich hübsch bleiben lassen, schöne Hanne,« sagte lachend der Räuber. »Der Hase ist gern, wo er geheckt ist: ich bleibe hier. Nimm also endlich Vernunft an und gewähre mir und meinem schnarchenden Genossen da für einige Zeit Unterschlupf! Wir haben in dieser Nacht einen prächtigen Fang gemacht in Hümpfershausen. Die Geschichte wird Aufsehen erregen und die Jagd auf mich bald wieder beginnen. Hast du nicht irgend ein geheimes Plätzchen, Hanne? Es soll dein Schade nicht sein.«
»Ich kann und darf dir keinen Unterschlupf gewähren,« erwiderte sie fest.
»Auch gut, altes Lieb, dann soll deine Herrlichkeit hier bald ein Ende haben,« war die Antwort des Räubers.
Noch einmal versuchte das Weib mit flehenden Worten den Räuber zum Verlassen der Gegend zu bewegen, indem sie ihm vorstellte, man würde ihn seiner früheren Freveltaten wegen hängen, sobald man ihn erwische. Er schlug indeß ihre Bitte rundweg ab, indem er ihr erwiderte: »Die Nürnberger hängen Keinen, sie hätten ihn denn zuvor. Mich kriegen die Häscher nicht, dafür stehe ich. Sollte aber deine Prophezeiung in Erfüllung gehen, dann heißt's bei dir 'Mitgegangen, mitgehangen'. Glaubst du, ich würde dich schonen, wenn man mich finge, nachdem du mir heute einen solchen Willkomm bereitest? Ueberlege alles wohl, Hanne, bevor du dein letztes Wort sprichst! Ich werde mich rächen,« fügte er drohend hinzu.
Lange kämpfte das Weib. Endlich schien sie einen Entschluß gefaßt zu haben. Ihre Lippen bebten und in den dunklen Augen glomm ein unheimliches Feuer, als sie scheinbar ruhig sagte: »Ein heimlich Versteck kann ich dir auf dem Hof nicht bieten, aber ich will mir's überlegen, wie ich dich sonst in meinem Haus aufnehmen kann. Dein Genosse aber muß fort.«
»I bewahre, Hanne, der muß auch da bleiben,« sagte lachend Paulus. »Das Männlein ist dir ein wahres Kleinod von einem Menschen. Ich hab’ ihn aus dem Sachsenland mitgebracht. Er ist ein gelernter Schlosser, der Lude, obgleich man denken könnte, er wär' ein Schneider. Seiner Kunst widersteht kein Schloß und keine Tür, und im Notfall eine Gurgel abzuschneiden ist ihm eine wahre Wonne. Ja, Hanne, der Lude muß bei mir bleiben.«
Als die Bäuerin sah, daß ein Ausweg hier nicht möglich war, sagte sie: »Mein Mann wird nach meiner Heimkehr den Hof verlassen und nach Roßdorf gehen; während seiner Abwesenheit könnt ihr bei mir einkehren.« Mit diesen Worten schritt sie zum Walde hinaus, raffte ihr Gras zusammen und eilte dem Kohlbachhofe zu.
Lachend blickte ihr der Räuber nach, indem er vor sich hin murmelte: »Wahrlich schön, daß die Hanne hier oben ist. Das gibt einen herrlichen Ausgangspunkt für unsere Unternehmungen. Wenn ich nur erst die alten Bekannten wieder zusammen habe, dann solls ein Leben geben.« Damit drehte er sich um, weckte seinen noch immer schlafenden Spießgesellen und teilte ihm mit, daß er eben die alte Bekannte, die Hanne, gefunden habe und sie nun für die Zukunft Sicherung hätten.
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