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Otto, Hans-Werner:
Winde lassen, Wünsche werfen.
Zwei Geschichten.
44 S.; 2009; EUR 5,50;
ISBN: 978-3-935421-35-5


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Leseprobe

Der Krieg wurde alltäglich im Wuppertal, Familien hocken zusammen während der Bombardierungen, die auch den Barmer Sedansberg trifft, suchten Schutz beieinander und Nähe.
Das störte Ilse auch nicht. Es gab eigentlich nur zwei Dinge, die sie störten. Erstens war Vater nicht dabei. Zweitens durfte sie nicht pupsen.

Edgar dagegen hat Wünsche, die unerfüllbar scheinen. Doch um Wünsche wahr werden zu lassen gibt es eine ganz besondere Methode, die hilft.
Nicht immer, denn die Prinzipien der Vorsehung basieren auf festen Regeln, die einzuhalten sind ...


In diesen beiden Geschichten lässt Hans Werner Otto wieder eine Welt entstehen, in der sich Wahres und Erfundenes auf jene unnachahmliche Art vermischen, eine Welt, gemalt mit Farben aus Leichtigkeit und Schrecken, Wehmut und Witz.




Leseprobe:


Da wohnten sie also jetzt wieder alle zusammen. Oder fast alle.
Ilse war noch keine dreizehn und es war eher aufregend als lästig.
Dass sich hier zwölf Personen auf drei sehr kleine Zimmer drängten, ein Klo, aber kein Bad, nur ein Spülstein im schmalen Küchenflur, dass man von jedem jedes Geräusch und jeden Geruch mitbekam, dass man, wenn man in der Nacht auf dem Zimmerboden aufwachte, einen vielstimmigen Chor sich einen großen Atem teilen hörte, dass sie, Ilse, morgens mit dem Aufstehen warten musste, bis sie an die Reihe kam, Klo und Spülstein frei waren, dass sie an der kleinen Anrichte gegenüber dem Spülstein zwischen den anderen stehen und darauf achten musste, ob jetzt wirklich der Zeitpunkt gekommen war, zwei Brotscheiben zu nehmen, mit dem Messer in den Papptopf mit Rübenkraut einzutauchen, die Scheiben schnell dünn zu bestreichen, damit sich kein dunkelzäher Tropfen abseilte, und dem kleinen Bruder eine der Scheiben zu reichen, bevor sie in ihre eigene hineinbeißen konnte. Dass sie immer von jemandem aus der Familie gesehen wurde, nur dann nicht, wenn sie auf dem Klo saß. Aber sonst immer. Immer immer immer.

Nein, das störte Ilse nicht. Es waren ja nur liebe Menschen, die sie sahen, immer wieder sehen konnten, und die durften das ruhig. Da waren außer Mutti und dem kleinen Bruder Rolf noch die zweijährige Schwester Renate, da war der einbeinige Günther, da waren Opa und Oma mit Onkel Willi, da waren Onkel Franz und Tante Agnes mit den Kindern Franz-Walter und Christel, ja, ganz besonders Christel, so alt wie sie, die Lieblingskusine.
Es gab eigentlich nur zwei Dinge, die sie störten.
Erstens war Vater nicht dabei.
Zweitens durfte sie nicht pupsen.
Natürlich war Vater nicht dabei. Das war eigentlich nichts Besonderes. Vater war im Krieg. Väter waren ja alle im Krieg. Überhaupt alle Männer. Oder fast alle. Günther war auch im Krieg gewesen, zuerst in Polen, dann in Frankreich, dort hatte er sein richtiges Bein gelassen und hier lief er jetzt immer mit einem Holzbein herum, das konnte er sich sogar abschnallen. Er war so etwas wie ein großer Bruder. Günther war wieder zu Hause, der große Bruder mit nur einem Bein, aber Vater war immer noch im Krieg. Manchmal kamen Briefe an, und er ließ sie grüßen. Nein, Vater war nicht da.

Oma und Opa waren da. Mit Onkel Willi, ihrem Sohn, Muttis Bruder. Der lag ja eigentlich in Russland; so hieß das bei den Soldaten, sie lagen in den Stellungen. Komisch, dass sie auch fielen. Wenn man einmal liegt, kann man doch nicht fallen. Onkel Willi lag aber jetzt nicht, jetzt war er gerade auf Urlaub. Erst hatte er zusammen mit Günther in Frankreich gelegen, aber dann hatte man Günther nach Hause geschickt, und nur noch sein Bein lag da in Frankreich. Willi mit seinen zwei Beinen hatte man nach Russland geschickt. In den Briefen an die Familie schrieb er jedes Mal, dass er die Schnauze voll habe. Manchmal standen auch komische Sachen drin: "Mir geht es noch gut, besonders im augenblick, habe nämlich eine prima pulle schnapps neben mir stehen." Wenn Ilse Rechtschreibfehler entdeckte, schämte sich Mutti immer ein bisschen für ihren kleinen Bruder. Ilse solle bloß nicht die Nase heben, schließlich sei er ihr Onkel und er halte ja auch für sie die Knochen hin. Dabei war so eine Ermahnung völlig überflüssig, Ilse liebte ihren Onkel, wie all ihre Geschwister und Vettern und Kusinen wartete sie, wenn Onkel Willis Briefe vorgelesen wurden, darauf, dass ihr Name fiel. Manchmal hieß es nur: "Liebe grüsse an Ilse und Rolf", aber einmal hatte er auch geschrieben: "Liebe Ilse das Du auf der Mittelschule bist das wusste ich, es freut mich das Du ein gutes Zeugnis bekommen hast. Habe schon sehr über Deine schrift gestaunt, Du schreibst ja schon besser wie ich."





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