Kinderheim

KINDERHEIM

Angefangen hatte alles mit Micky Maus. Weil ich so dünn war, mußte ich zur Aufpäppelungskur in den Schwarzwald, doch diese Ausfallzeit war nicht weiter schlimm, weil ich in der Schule sowieso nicht vorwärts kam. Ich hing in fast allem ziemlich zurück. Im Kinderheim stellte man fest, daß mir nicht klar war, wo links und rechts war, und daß ich meine Schuhe nicht selbst zubinden konnte. Außerdem hatte ich Heimweh. Ich hatte Appetitmangel und konnte meine Abscheu vor dick mit Butter bestrichenen Broten nicht überwinden, und da ich ständig überhöhte Temperatur hatte, mußte ich tagelang im Bett liegen, während die anderen singend durch den Schwarzwald spazierten. Da ich nicht lesen konnte und allein in der Krankenstation lag, war ich das einsamste und gelangweilteste Kind der Welt, bis Kurt, ein weiterer mit dem Symptom "erhöhte Temperatur" geschlagener Knabe die Station mit mir teilen mußte.
Kurt konnte einfach alles besser als ich. Kurt konnte schneller bis fünfzig zählen, spielte angeblich besser Fußball, hatte größere Füße, war zwei Tage jünger, dafür aber drei Zentimeter größer und wog, ätsch, fast ein ganzes Kilo weniger. Natürlich hatte er viel höheres Fieber, sein Schulranzen war wesentlich schwerer als meiner, er hatte mehr Geschwister, sein Füller war besser, er konnte weiter pinkeln, sein Opa lebte noch und seine Oma auch und außerdem konnte er all die Micky Maus-Hefte lesen, die er mitgebracht hatte, und natürlich hatte er zu Hause viel mehr davon als ich, was kein Wunder war, denn ich hatte kein einziges und bis dahin ein Fußballspiel auf dem Erzberger Platz in Köln-Nippes immer besser gefunden, als das Blättern in so einem bunten Heftchen. Kurt war aber auch der erste, der mir zeigte, daß die Bildchen zusammen mit dem Text eine interessante Geschichte ergaben. An den nächsten Tagen hatte ich jedenfalls wieder meine obligatorischen 37,7 Grad Celsius und Einzelhaft im Krankenbett, und Kurt, der bei schönem Wetter in den Wald wollte und wußte, wie man ein Thermometer herunterschlägt, ließ mir seine Hefte da, weil er viel stärker war als ich und mich fertig machen würde, wenn ich sie kaputt machte. So wurde ich zu einem der begeistertsten Fieberkranken Europas. Nicht nur das. Als wir wieder nach Hause fuhren, konnte ich nachweislich schneller lesen als Kurt und war mehr als drei Kilo schwerer als er, ich besaß nicht nur ein eigenes Fußballtrikot, sondern war sogar schon in einem Verein, mein Onkel hatte einen NSU PRINZ und außerdem war Köln viel größer als Schwelm.
Dann ging alles sehr schnell. In regelmäßigen Abständen überfielen meine Mutter, meine ältere Schwester und ich die Stadtbücherei. Die Standardausstattung bei unseren Raubzügen bestand aus zwei Reisetaschen, die wir gefüllt mit gelesenen Büchern in die Bibliothek trugen und randvoll mit neuer Lektüre nach Hause schleppten. Ich absolvierte die Grundausbildung einer Leseratte, die von Tierbüchern voller kranker Rehe, flüchtender Pferde und treuer Hunde über Fußballbücher wie
Die roten Teufel vom Betzenberg oder Elf Freunde müßt ihr sein zur Roten Zora und Tom Sawyer  führte. Ich war leidenschaftlicher Anhänger von Jan, dem Detektiv und weigerte mich, Fünf Freunde zu lesen, ich plädierte für Micky Maus und lehnte Fix und Foxi kategorisch ab, und Weihnachten war erst perfekt, wenn ein druckfrisch duftendes Micky-Maus-Heft auf dem Gabenteller lag. Als ich in der Bücherei Die Reise nach Matecumbe entdeckte, war für zwei Wochen alles verändert.
Ich las und spielte Fußball, die Schule lief nebenher und interessierte mich nicht besonders. Was mich begeisterte, war die Freundin unseres Torwarts, und wenn sie am Spielfeldrand stand, steigerte ich mich in brasilianische Spiellaune und kämpfte wie einst Wolfgang Weber gegen Liverpool. Sie hatte natürlich kein Auge für mich, und die Enttäuschung ließ Köln-Nippes zu einem düsteren, langweiligen Vorort werden. Dann fiel mir in der Bücherei ein Roman in die Hand, der alles formulierte, was ich empfand: Mädchen, Mopeds, Auflehnung. Ich weiß nicht mehr den Titel oder den Autor des Buches, doch dieser Roman stieß ein Tor auf in eine Welt, die mehr zu sein schien als eine spannende Geschichte mit Personen aus Papier und Druckfarbe. Da waren Geschichten, die näher an mir waren, als alles, was ich bisher gelesen hatte.
Die ehemalige Freundin des rechten Verteidigers verließ mich wegen des Leichtathleten, der mit uns trainierte, doch die Bücher blieben mir treu. Im ersten Lehrjahr begleiteten mich Thomas Valentins
Unberatene, mit Holden Caulfield kaufte ich meine erste hautenge Cord-Jeans, und Dalton Trumbo schrieb die Begründung meiner Kriegsdienstverweigerung. Max Frisch und Allan Sillitoe versuchten mir etwas über meine Persönlichkeit zu erklären, und W.E. Richartz und Karl Otto Mühl saßen in der Frühstückspause neben mir im Büro. Nathanael Wests Romane trieben mich aus der einsamen Wohnung, Kerouacs Bücher brachten mich an die Autobahnauffahrten, James Purdy erschütterte mich anders als Heinrich Mann. Die Bücher gingen mit mir in die Fabrik und ins Büro, ins Arbeitsamt und in die Wohnung. Sie stellten mir Fragen und warfen mich aufs Kreuz, sie erzählten mir Dinge, die ich noch nicht wußte, und warfen alles über den Haufen, was ich mir so schön zurechtgelegt hatte.
Heute ist das anders. Bücher wühlen mich nicht mehr so auf, aber das liegt weniger an den Schriftstellern als an mir. Ich bin in das Alter gekommen, in dem es verlockend leicht ist, den Sprung auf die Karriereleiter zu tun, auf der Klaviatur des Erfolges zu spielen. Ich könnte mich auch einfach zurücklehnen, den Hosengürtel unter einem Fleischberg verschwinden lassen, kreditwürdig werden und den Rest bis zum Rentenbescheid absitzen. Ich habe nämlich meine Erfahrungen gemacht und weiß, worauf es ankommt. Ich kann nicht mehr ständig alles in Frage stellen oder in der Gefahr leben, plötzlich aus dem Ruder zu laufen. Ich lese zur Unterhaltung und zum Zeitvertreib, nicht aus Hunger. Dabei gibt es allerdings ein Problem: wer jemals beim Lesen sein Gleichgewicht aufs Spiel gesetzt hat, der kann sich nicht einfach mit einem Buch die Zeit vertreiben, ohne das Gefühl zu haben, daß etwas fehlt, wenn er das Buch zugeklappt hat. Aber ich werde auch noch lernen, damit fertig zu werden.