Kölscher Kaviar

KÖLSCHER KAVIAR

1.
Was weiß ich noch von dieser Zeit seit meinem Auftauchen im Winter 1951? Nichts von Politik und nur sehr wenig von der "Petticoat- und Hulahopp"-Romantik, aber einiges von der Situation dünner Kinder, die vornehmlich auf der Straße aufwuchsen und von Eltern, die sich durchzubeißen hatten.
Immer, wenn ich von der Schule nach Hause kam, hatte ich die Hoffnung, daß, wenn ich die Türe zu unserer Wohnung öffnete, meine Mutter mit meiner Schwester auf mich zukommen würde, um zu sagen: "Es war gar nichts, es war alles ein Irrtum." oder: "Es war nur vorübergehend."
Ich ging zur Schule und ahnte, daß ich dort nichts lernen würde, und wenn ich nach Hause kam, legte ich die Schultasche in das Zimmer meiner Tante, erledigte dort die Hausaufgaben und ging auf die Straße Fußball spielen. Irgendwann wurde mir klar, daß es kein Versehen war, auch nicht vorübergehend, daß meine Schwester geistig behindert war und geistig behindert bleiben würde, und damit der vierte Fall dieser Art war auf dem Erzberger Platz in Köln-Nippes.

5.
Die hohe Zeit des Wandergewerbes. Immer wenn Umzüge stattfanden, tauchten die Fotografen auf. Sie begleiteten die Stolzierenden, fotografierten möglichst viele Teilnehmer, und ein paar Tage später hingen ihre Aufnahmen in den Schaufenstern der umliegenden Geschäfte. Es war ein altes eingespieltes Zeremoniell mit hervorragendem Nachrichtensystem, daß die Fotografierten schnell von ihrem Glück informierte.
Die Fotografen wanderten durch die Straßen, besuchten Kinderspielplätze und bauten vor Kindergruppen ihre Stative auf. Sie überreichten ihre Visitenkarten, damit die Eltern wußten, an wen sie sich zu wenden hatten. Aber es blieb ein unsicheres Spiel mit der Hoffnung und einer Unzahl erfolglos verschossener Fotografien, obwohl dies für lange Zeit die einzige Möglichkeit war, Fotos von Familienmitgliedern zu erhalten, die nicht unter der strengen Regie der Fotoateliers entstanden waren. Neben Aufnahmen aus dem Krieg, von Betriebsausflügen, Hochzeiten, Taufen sowie den Jahrgangsfotos der Schule waren dies die einzigen Fotografien in den Familienalben, bis jeder Haushalt einen eigenen Fotoapparat besaß und einer gigantischen Industrie jährlich neue Zuwachsraten lieferte.

6.
Im Laufe der Jahre hatte ich drei Löcher im Kopf und eine Narbe auf der Oberlippe. Ich habe meinem Freund mit einer Holzpistole beinahe den Schädel eingeschlagen und bin für ältere Mädchen nackt durch ein Gebüsch gekrochen. Ich habe in den trüben frühen Jahren die Strumpfhose und die Unterwäsche meiner Schwestern getragen und neige noch heute zu Depressionen, wenn ich an die zugezogenen Vorhänge in der Küche denke und an die mit unserer Wäsche vollgehängten Stühle, auf der auch in diesem traurigen Licht die gestopften Stellen zu erkennen waren. Wir waren arm. Aber das wußte ich nicht, denn unseren Nachbarn ging es nicht besser. Im Gegenteil. Es gab Familien, denen fehlte der Vater, es gab Familien mit mehr als vier Kindern und es gab Familien, die in Kellerwohnungen lebten, in denen das Licht immer schummrig und die Räume immer klamm waren. Unsere Väter gingen aus dem Haus, bevor wir aufstanden, und wenn sie nach Hause kamen, mußten die Kinder von der Straße. Sie waren zu müde, um mit uns zu spielen. Aber beim Abendessen saßen sie bei uns in der Küche. Sie sprachen mit uns, und ab und zu rutschte ein Scherz um den Tisch. Dazu lief ständig das Radio. Das war vor der Bildschirmzeit, bevor die leise Zusammengehörigkeit auseinanderfiel.

7.
Ich habe Mutter oft bei den Qualen in der Waschküche zusehen müssen. Stundenlang stand sie in einem häßlichen Raum neben der Kellertreppe und kochte und stampfte unsere Wäsche in monströsen Waschtrögen, umwabert von heißen Dampfwolken, die Arme bis zum Ellenbogen puterrot vom Schrubben im heißen Wasser. Dann trat MIELE in unser Nippeser Leben und brachte die glorreiche Erlösung der deutschen Hausfrau von der Waschfolter. In unregelmäßigen Abständen hielt vor dem Haus ein PKW, auf dessen Anhänger eine gewaltige MIELE-Waschmaschine montiert war, die uns gegen eine Leihgebühr ein oder zwei Tage zur Verfügung stand. Sie machte anschließend ihre Runde um den ganzen Platz, Sinnbild des Fortschritts für die Frauen, und nach und nach vibrierten immer mehr Wohnungen vom Schleudergang familieneigener Waschmaschinen.

9.
Mutter versetzte das gute Besteck und den Familienschmuck, wir mußten einen Kredit aufnehmen und hatten Schwierigkeiten, die Raten zurückzuzahlen, gefangen in einem Teufelskreis wie viele Familien, deren Einkünfte zu gering waren, um Wohnung, Essen und Kleidung finanzieren zu können. Es gab keinen Monat im Arbeitsleben meines Vaters, den er nicht mit Überstunden füllen mußte. Kleines Symbol seines Widerstandes wird für mich immer seine Arbeitstasche bleiben, in der er dreißig Jahre lang Holzstücke aus der Fabrik schmuggelte, um weniger Kohle kaufen zu müssen.
Er hatte seine Skattage, seine sechzig Zigaretten pro Tag, seine braunen Fingerkuppen, seinen Raucherhusten und seine Erschöpfung abends. Fortschritt hieß, daß der Feierabend bequemer wurde, die Unterhaltung aus dem Fernseher kam, das Fahrrad durch einen Gebrauchtwagen abgelöst wurde. Aus dem Zelt wurde ein Wohnwagen, das Auto hatte bald 1600 Kubik, es kamen Urlaubsfahrten und immer häufiger Fleischtage in der Woche.

10.
Wir wanderten den Petersberg und den Drachenfels hinauf, übernachteten in einem billigen Hotel, an dem die Züge vorbeidonnerten, und als wir auf dem Heimweg mit der Eisenbahn an Wesseling vorbeifuhren, begann gerade das Plastikleben. Es begann mit häßlichem verwaschenen Hellblau und gebleichtem Gelb, und Plastikschüsseln dieser Farbe traten die Nachfolge der schweren Zinkeimer an, mit denen sich die Menschheit bis dahin abmühte.
Ein weiteres Ergebnis beeinflußte beeinflußte das Leben gravierend. Es gab nicht länger nur ein Fernsehprogramm. Zu Weihnachten gab es einen UHF-Adapter, mit dem man die Möglichkeit hatte, ein zweites Programm zu empfangen. In Millionen Haushalten wütete das UHF-Fieber, der Fernseher lief  ununterbrochen vom Beginn des Kinderprogramms bis zum mitternächtlichen Flimmern und Rauschen, wenn auch das letzte Familienmitglied endgültig vor dem Fernseher eingeschlafen war. Meine Freunde verließen immer häufiger nachmittags den Spielplatz, um sich vom Bildschirm unterhalten zu lassen. Man nahm das Essen vor dem Fernseher ein, verständigte sich durch Zischlaute, und die deutschen Wohnzimmer wurden endgültig in U-Form zum Fernseher zentriert.

11.
Ich durchlitt eine tief religiöse Phase, die erst mit dem zwölften Lebensjahr beendet wurde. Wie jede kölsche Familie hatten wir ein Buch mit heiligen Sagen, voll von Wundern, göttlichen Fügungen und Märtyrern. Der Religionslehrer ließ uns ganze Bibelpassagen auswendig lernen. Immer wieder malte er neue entsetzliche Gemälde von Höllenqualen, Strafen und Fegefeuern, die den Ungläubigen und den Sündern drohten und in denen die Gottlosen versanken. Ich wurde zu einem frommen Lamm des Herrn und betrieb zeitweise eine Madonnenecke in der Küche, wo ich Kerzen anzündete, betete und um Verschonung und Aufnahme ins Himmelreich bat.
Der Horror des Lebens in Sünde und die Angst vor der Strafe des Herrn brachte mir Nächte, in denen ich mich in den Schlaf weinte, weil meine Mutter vergessen hatte, mich zur Kommunion anzumelden. Und als ich plötzlich in die C-Jugend des Fußballvereins eintrat, schien es mir, als hätte ich eine Wüste verlassen, voller Dornen und Angst.

12.
Mutter fuhr mit uns ins Bergische Land, wir fuhren mit der Rheinuferbahn nach Bonn und mit der Straßenbahn nach Rodenkirchen, um im Rhein zu baden. Wir marschierten stundenlang in praller Sonne von Leichlingen zur Talsperre und sammelten unterwegs das Obst auf, das von den Bäumen gefallen war. Wochenlang gab es Birnenmarmelade, Birnenmus und Birnenpfannkuchen.

13.
In dem Jahr, als ich zur Kur kam, weil ich zu dünn war, kaufte mein Onkel sein erstes Auto, einen NSU-PRINZ. Das Gepäck auf dem Dach montiert, schwitzten sich sechs Personen ans Meer. Mit dem Auto folgten Ausflüge ins Sauerland, in die Eifel und den Rhein hinunter in andere Bundesländer. Ich erinnere mich an eisige Nächte im PRINZ, frierend und immer wieder aufwachend. Und dann das schöne Gefühl morgens, wenn der Tee auf dem klappbaren Gaskocher brodelte und wärmend in den Magen lief.
Der weitere Weg war vorgeschrieben: Er führte von kalten Wochenenden im Auto zur nächst komfortableren Stufe, zu klammen Nächten auf der Luftmatratze und zu kleinen Tierchen, die das ganze Jahr aus den Zeltstangen krochen, die im Ankleidezimmer der Tante gelagert waren.
Er führte über Italien, Mallorca, Teneriffa nach Griechenland. Eine Blechkarawane voll deutschen Gemüts überschwemmt die Welt. Die Entbehrungen sind vergessen.