Büro

BÜRO
   
Für K.O. Mühl und
   in memorian W. E. Richartz
   
Teppichboden.
Leben mit Hydrokulturplantagen
Kantinenmarken Fahrgeldzuschuß
der gekonnte Einstieg jeden Tag
in den überfüllten Fahrstuhl
Türen werden geöffnet geschlossen
Aktenbündel werden spazieren getragen
Eingangsstempel Zur Besonderen Beachtung
Hochachtungsvoll.

Sie öffnet vorsichtig den Schreibtisch
Schublade heraus hinein verlegen fragt sie
nach Kugelschreibern die Neue
Teppichboden überall
Landschaften tun sich auf
voller aneinandergerückter Schreibtische
Kaffeemaschinen Handakten
alle finden Zuflucht in ihrem Sachgebiet
die Maschine dem Mechaniker
die Ablage dem Azubi
der Abfall der Putzfrau
der freundliche Gruß dem Chef
jeder ist sich selbst der Nächste.

Hinter einem freundlichen Lächeln
vermutet man Verhältnisse
aus Betriebsfestamouren werden Tretminen
das Verhältnis des Herrn aus der Werbeabteilung
mit dem Fräulein aus der Registratur
der Skandal der Firma
Aschenputtel will König
unbeantworteter Morgengruß im Fahrstuhl
Kichern im Großraum beim Vorübergehen
Einzelplatz in der Kantine
die Stechkarte versteckt unter 180 Namen.

Der eine fälscht Portolisten
der andere zahlt sein Defizit
immer wieder aus eigener Tasche zu
Briefe verschwinden in Papierkörben
Müller wäscht sich ständig die Hände
klagt über Zugluft
kann den Locher nicht mehr betätigen
Rothmann ist im Aufzug gesehen worden
als er immer wieder auf Nothalt stellte
Kolbe hat auf seinen Schreibtisch gespuckt
Fräulein Schibulski hat gesungen
und ihren BH aufgehakt
Krothe hat versucht die Auszubildende zu küssen
niemand von ihnen hat im Lotto gewonnen
für ihr Verhalten gibt es keine Erklärung.

Teppichboden überall
das ganze Leben gedämpft
Kalenderbilder an den Wänden
Milchdosen und Streichkäse draußen
auf dem Fensterbrett
in der Etagenküche ein Trinkglassortiment
aus Senfgläsern und angestoßenes Porzellan
aus der Wiederaufbauzeit
draußen vor dem Fenster Autounfälle
Demonstrationen Überfälle
danach sucht man am nächsten Morgen
in der Zeitung
Gesprächsstoff für das Kantinenessen.

Die Seele zwischen Existenzangst und Fotosafari
meterlange Postkartenketten mit Tesa aneinandergeklebt
der Duft der Welt Grüße mit zum Kartenende
immer kleiner werdender Schrift
die gefürchtete Urlaubsvertretung
die alles umorganisiert Nachlässígkeiten brandmarkt
stets den Schuldigen benennt immer mit Draht zum Chef


eine große Familie
der Betriebssportverein die Betriebsversammlung
der Betriebsunfall die Betriebskasse
der Betriebsradikale.

Teppichboden überall
verharren zwischen Bildschirmgeräten
und Familienfotos am Schreibset
sehen wie der Kopf zuwächst
das Leben geordnet wie die Bleistifte
bitte ein einfacher Bogen zwei Durchschläge
tragen Sie die Urlaubstermine
der nächsten fünf Jahre ein
eine Minute vor Feierabend beginnt am Kalender
schon der nächste Tag.