Afrika liegt weiter südlich

AFRIKA LIEGT WEITER SÜDLICH

Die Sonne brauchte genau 39 Minuten, um unterzugehen. Als die untere Kante den Bergrücken streifte, verließen die Schwalben die Nester unter Mickys Ferienhaus und fingen Insekten für ihre Jungen. Wenig später legten die Zikaden hinter dem Haus los und spielten ein tausendstimmiges Konzert, das bis in den Morgen dauern sollte. Im Süden, im Städtchen Diano Marina, flammten die ersten Lichtreklamen auf, und die Autos, die aus Imperia oder San Remo kamen, bildeten eine Lichterkette den Hügel hinab. Bald beendeten die Schwalben ihre Flüge und überließen das Feld den Fledermäusen, die mit gelegentlichen spitzen Schreien vorbeiflatterten. Über dem Berg verfärbte sich die Luft von Orangerot in immer schwächer werdendes Gelbgrün, und als Micky die Terassenbrüstung nicht mehr erkennen konnte, erhob er sich und ging ins Haus. Es gab nicht viel zu tun. Er nahm den Rotwein aus dem Schrank und setzte sich an den Tisch. Kleine Insekten mit gebogenem Rumpf klebten unbeweglich an den Wänden, eine Ameisenstraße führte unter der Schlafzimmertür hindurch in den Wohnraum, eine Fliege summte. Unten in der Stadt spielte der Zugführer mit der Warnpfeife, und in wenigen Minuten würde in der Kaserne eine Hymne gespielt werden, die die Soldaten zurück zum Gehorsam rief. Als Micky die Wirkung des Weins spürte, klingelte das Telefon.

"Nein", sagte er, bevor der Teilnehmer etwas sagen konnte.
"Das sagst du jeden Abend", antwortete eine Frauenstimme.
"Es hat sich auch noch nichts verändert."
"Das heißt, du kommst mit dem Text nicht voran"; sagte die Frauenstimme in einem Tonfall, als wäre nichts anderes zu erwarten gewesen.
"So etwas kann man nicht erzwingen", sagte Micky.
"Deshalb sollst du ja zurückkommen. Drei Wochen müßten genügen, um herauszufinden, ob es auf diese Art besser geht."
"Vielleicht brauche ich länger, um mich umzstellen."
"Das sagst du jedesmal. Du hast es gesagt, als du zwei Monate in Wedding in einem verwahrlosten Zimmer gelebt hast, und du hast es gesagt, als du als Nachtportier in München gearbeitet hast. Es hat nichts mit der Umgebung zu tun."
Micky schwieg und blickte in das Schwarze hinter Diano Marina, das das Meer war und auf dem zwei, drei Lampen von Fischerbooten blinkten.
"Es war nicht erfolglos. Weder in Berlin noch in München", sagte er ruhig, beinahe gelangweilt, als wäre es eine alte Diskussion, die nie zu einem Ergebnis führte. Er zog sein Weinglas herüber.
"Gedichte!" schnaubte die Frau höhnisch. "Einen Roman, der ein wenig Leben in die Literatur bringt, hast du gesagt, als du gefahren bist, und sechs Gedichte hast du mitgebracht. Eines hast du in einer der Literaturzeitschriften untergebracht, die nichts zahlen können und nur von Möchtegerndichtern gelesen werden, eines hast du drei Wochen bearbeitet, um es in einem langweiligen Gewerkschaftsblatt gedruckt zu sehen, und vier kursieren immer noch als unveröffentlichte Wunder mit frankiertem Rückumschlag in den Verlagslektoraten. Du bist 35, Micky, und du hast deinen Beruf an den Nagel gehängt, um schreiben zu können, aber es kommt scheinbar immer etwas zwischen dich und den zündenden Funken."
"Zum Beispiel die Gewißheit, daß du mich jeden Abend anrufst, um mir mitzuteilen, daß ich einer von den Möchtegerndichtern bin. Wieso bin ich auf die Schnapsidee gekommen, ein Telefon in der Einsamkeit zu benötigen?"
"Damit ich dich anrufen kann, falls man dir einen Preis verleihen sollte oder du eines von den hundert Stipendien bekommst, um die du dich beworben hast. Oder jemand eine Rezension schreibt, wenn er dein Buch in einer der Buchhandlungen gefunden haben sollte, die noch mit deinem Verlag zusammenarbeiten. Sie haben übrigens eine Abrechnung geschickt. Si haben im letzten Jahr zwei Exemplare deines Buches verkauft. Das sind 2,54 Mark Honorar für dich. Sie verrechnen es mit den 96 Exemplaren, die du bestellt und verschenkt hast."
"Gedichte sind nun mal keine Verkaufsschlager", protestierte Micky.
"Deswegen schreibst du ja einen Roman. Habe ich schon gefragt, wie du damit vorankommst?" fragte sie zynisch. Micky legte auf. Er war kein großer Rhetoriker, das wußte sie, erst recht nicht, wenn er ein wenig angeduselt war. Außerdem sollte sie ihn nur anrufen, wenn etwas Wichtiges in der Post war.
Zwei Bücher. Das war wirklich lächerlich. Er hatte auch nirgends Anzeigen für das Buch gesehen, und der Verkaufspreis war wesentlich höher als besprochen. Er schenkte sich noch einmal ein. Mopeds jagtenauf dem holprigen Weg unterhalb seines Grundstücks vorbei, um nach Diano Castello zu kommen, einem malerisch gelegenen Dörfchen auf der Bergkuppe nördlich von Diano Marina. Malerisch, aber ärmlich, und Armut war wirklich nicht romantisch, fand Micky, erst recht nicht, wenn sie mit soviel Ungepflegtheit zusammentraf. Er wollte dies schnell notieren. Sie hatte keine Vorstellung, wie qualvoll es war, eine Idee in Worte umzusetzen. Jeder Satz entjungferte die Phantasie, und immer, wenn er den leeren Bogen Papier vor sich liegen hatte, ahnte er, daß zum Schluß nichts von seiner schönen Idee überigbleiben würde. Das Ergebnis war immer ganz anders als das, was er sich vorgestellt hatte, und dieses Wissen hemmte ihn.
Er sehnte sich jetzt nach Radiomusik, den endlosen Reden der italienischen Diskjockeys oder einem Hörspiel im Deutschlandfunk. Vielleicht war es falsch gewesen, jede Möglichkeit der Ablenkung auszuschalten. Dadurch fühlte er sich gezwungen, etwas schreiben zu müssen, und er bezweifelte immer mehr, daß Zwang ihn beflügelte.