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Die kritische Reihe zur Kriminalliteratur
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Jürg Brönnimann
Leseprobe:

Zweifelsohne wurde die Mehrzahl der Krimiautoren, die ihr Debüt in den siebziger Jahren machten, vom sozialen Anspruch der späten sechziger Jahre angeregt, sozialkritische Kriminalromane zu schreiben. Ausgenommen von dieser Kategorie sind jene Autoren, die sich weiterhin bedingungslos dem "whodunit-Schema" verschrieben, wie zum Beispiel Lieselotte Appel, die unter dem Pseudonym L.A. Fortride zwischen 1962 und den späten siebziger Jahren gut anderthalb Dutzend traditionelle Rätselkrimis schrieb. Die Soziokrimiautoren in ein zeiträumliches Schema hineinpressen zu wollen, wäre aber ebenso falsch, wie den Soziokrimi selbst als ein epochengebundene Erscheinung zu beschreiben. Aber dennoch würden wenige Kenner der Krimiszene bestreiten, daß die Anfänge des Subgenres auf das Ende der sechziger Jahre fielen und daß seine Hochkonjunktur gegen Ende der siebziger Jahre zum Ende neigte. Demzufolge ist auch anzunehmen, daß die meisten wegweisenden Vertreter in dieser Zeitspanne zu finden sind, was natürlich die (Weiter)Entwicklungsfähigkeit von Autoren und Gattung nicht ausschließt. Der Soziokrimi ist zeitlich nicht begrenzt, denn die sozialen Probleme, die dem Soziokrimi zugrunde liegen, werden auch in Zukunft vorhanden sein.

Die folgende Skizzierung der Hauptvertreter des Soziokriminalromans erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Bei der Auswahl mußte auch in Betracht gezogen werden, daß die Grenzen zwischen Vertretern des Soziokrimis und denen anderer Formen des Kriminalromans oft verschwommen und fließend sind.

Die wohl bekanntesten Vertreter des deutschen Soziokrimis sind -ky und Richard Hey. -ky gilt als Erfinder und (selbstproklamierter) Begründer des Subgenres in Deutschland, während Hey, nach den Kritikern, dem erzählerischen Niveau von Chandler, Ambler und Sjöwall/Wahlöö am nächsten kommt.

Neben diesen beiden gilt auch Hansjörg Martin als einer der Hauptvertreter des Soziokrimis. Er war auch der erste deutsche Kriminalschriftsteller, der 1965 bei der Rowohlt Thriller-Reihe mit seinem Roman, Gefährliche Neugier, veröffentlicht wurde. In seinen Geschichten merkt man oft, daß die Sympathien dem "Underdog" gelten. Martin selbst versteht sich nicht als Interpret der "Jäger", sondern als Beobachter, Analytiker oder gar Chronist der Täternot. Er interessiert sich also mehr für die gesellschaftliche Stellung und Integrations(un)fähigkeit des Täters als für die Lösung des Falls.

"Ich war eigentlich schon immer und bin heute mehr denn je der Auffassung, daß der Dieb, der Betrüger, der Gewalttäter und Mörder Extrakt seiner Umwelt ist. Es ist meiner Meinung nach nicht so sehr von Interesse und Bedeutung, wie sich die Umwelt seiner entledigt, wie er gefangen und gerichtet wird - sondern wie die Welt und warum sie ihn überhaupt hervorgebracht hat."
Diese Aussage erinnert stark an die schon kurz besprochenen soziologischen Theorien von Durkheim, Marx und etwas später Merton, die behaupteten, der Menschen sei bloß ein Produkt seiner Gesellschaft.

Für eine Zeitlang war Oberkommissar Leo Klipp von der Hamburger Mordkommission Martins bevorzugter Kommissar. Die Erzählperspektive Martins ist in den Klipp-Romanen unerwarteterweise die des Kommissars und reflektiert daher die Präferenz und Sympathie des Autors für den Täter und seine Situation wenig. Klipp wird als ziemlich oberflächlicher Mensch beschrieben, der es mit (Dienst)Vorschriften und Gesetzen nicht immer so genau hält, um seine Aufklärungsarbeit zu einem erfolgreichen Ende zu bringen. Vielleicht ist es eben gerade jene Mittelmäßigkeit und seine unkonventionelle Art und Weise, die ihn auch bei seinen Lesern leichter als Identifikationsperson erscheinen lassen.

Friedhelm Werremeier wäre ein weiterer Autor, der sich unter dem (Deck)Mantel des Soziokrimis unterbringen ließe. Er selbst wehrt sich zwar gegen eine solche Zugehörigkeit , obwohl seine Romane einen nicht unwesentlichen Beitrag von gesellschaftlicher Analyse und Kritik innerhalb der Gattung geleistet haben. Werremeier veröffentlichte 1968 seinen ersten Kriminalroman, Ich verkaufe mich exklusiv. Bekannter als sein Schöpfer wurde der Detektiv der Werremeier-Romane, nämlich Hauptkommissar Trimmel. Der unbestreitbar prominenteste und womöglich einzige 'echte' Seriendetektiv des deutschen Kriminalromans wurde vor allem durch die Fernsehserie "Tatort" ein Begriff, in der er "alles in allem zu einem deutschen Verwandten von Simenons Maigret zurechtgeschminkt" wurde.

Zu den Autoren 'der ersten Stunde' des neuen deutschen Krimis gehört auch Irene Rodrian, die 1967 mit ihrem Erstlingswerk, Tod in St.Pauli, den Edgar-Wallace-Preis erhielt. Inwiefern sie zu den Vertretern des Soziokrimis gehört, darüber ließe sich streiten. Ihre Stoffe sind jedoch so aufgebaut, daß man unschwer Parallelen zu den Strukturen der -ky-Romane wiedererkennen kann. Was dabei anders ist, betrifft die Perspektive, aus welcher die Geschichten verfaßt sind. Sie sind immer vom Standpunkt eines direktbetroffenen Individuums aus geschrieben. Obgleich Rodrian behauptet, daß gesellschaftliche Analyse im Krimi unmöglich sei, betreibt sie eben das, wenn sie mittels psychologischer Charakterstudien von Einzelpersonen gesellschaftliche Mißstände aufdeckt. Da der Einzelne im Mittelpunkt von Rodrians Romanen steht (Ähnlichkeiten mit Patricia Highsmiths Psychothriller werden ihr nachgesagt), fehlt bei ihr eine wiederkehrende Bezugsperson als Detektiv oder Polizeibeamter.

Nicht zuletzt muß auch Michael Molsner zu dem engeren Kreis der Soziokrimiautoren gezählt werden. Sein erster Kriminalroman erschien 1968 und trug den Titel Und dann hab ich geschossen. Zeichneten sich seine früheren Romane vor allem durch ihre recht komplizierte Erzählstruktur aus - mit verschiedenen Erzählperspektiven, Zeitebenen und nebeneinanderlaufenden Handlungen -, sind seine späteren Bücher leserfreundlicher geworden. Sie legen mehr Gewicht auf äußere Spannung, was zum Teil auf Kosten der Tätercharakterisierung geht. Auch wendet sich Molsner immer mehr modernen und medienwirksamen Themen zu, wie etwa Wirtschaftskriminalität und Rauschgifthandel. Was Molsner unverkennbar in die Kategorie des Soziokrimis einreiht, ist die Tatsache, daß er die Kriminalität weniger als ein technisches und juristisches Problem versteht, denn als eine direkte Folge sozialer Abhängigkeiten innerhalb einer auf materiellen Gewinn ausgerichteten und intolerant aufgebauten Gesellschaftsstruktur. Molsner präsentiert dem Leser ein ähnliches Täterprofil, wie es in Sjöwall/Wahlöö von Larsson skizziert wurde. Molsner sagt: "Ist es ein Wunder, daß in einer solchen, die gesamte Gesellschaft durchdringenden Atmosphäre von Gewalttätigkeit und Gewaltbereitschaft einzelne, labile Menschen bis zur Mordtat getrieben werden?" Molsner arbeitete anfangs nicht mit einem festen Aufklärungsteam oder einer regelmäßig wiederkehrenden Bezugsperson. Das hat sich seit dem Erscheinen von Der Castillo-Coup (1985) in seiner Euro-Ermittler Serie geändert.

Zu der zweiten Generation des neuen deutschen Krimis - einige würden sie auch gern zur zweitrangigen Kategorie zählen - gehören Huby und Tews. Huby wird das Attribut von Provinzialität zugesprochen, da seine Romane einen stark lokalen Charakter aufweisen. Seine Hauptfigur, Kommissar Bienzle, ist ein Schwabe mit Herz und Seele, und seine Fälle spielen sich denn auch in der schwäbischen Heimat ab. Obwohl die Themen bei Huby von Wirtschaftskriminalität, Türkenmafia und Atommüllproblemen handeln, im Grunde genommen kontroverse Themen, gelingt es ihm nicht so recht, das Regionale abzulegen, um somit auch auf größere, weiterreichende Implikationen zu kommen und relevante Schlüsse ziehen zu können. Andererseits wird durch die lokale Beschränktheit eine gewisse Realitätsnähe geschaffen, die für den einheimischen Leser von einem gesellschaftsanalytischen Standpunkt aus relevant ist.

Lyda Tews' Geschichten, wie jene von Huby, sind mit provinziellen Charakteristiken stark durchzogen. Tews zieht leicht überschaubare kleinstädtische Verhältnisse vor, und in dem Sinne erinnern ihre Romane an jene von -ky, die in dessen fiktionaler Kleinstadt Bramme spielen. Wie -ky ist Tews der Meinung, daß sich diese soziologischen Kleinzellen vorzüglich dazu eignen, die gesellschaftlichen Beziehungsgeflechte zu durchleuchten, um dabei das "wie" und "warum" der Verbrechen erkennen zu können. Wie Hey, arbeitet auch Tews mit einer weiblichen Ermittlerperson, namens Elfriede Schumann.


Brönnimann, Jürg: Der Soziokrimi

Jürg Brönnimann:
Der Soziokrimi.
Neues Genre oder ein soziologisches Experiment?
Eine Untersuchung des Soziokrimis anhand der Werke von Maj Sjöwall/Per Wahlöö und -ky.
ISBN: 3-935421-13-3
Paperback. 304 Seiten

18,00 Eur[D] / 18,60 Eur[A]
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Jürg Brönnimann
wurde am 11. Oktober 1955 in der zweisprachigen Stadt Biel in der Schweiz geboren. Nach dem Diplomabschluß der Eidgenössischen Verkehrs- und broennimannVerwaltungsschule Ausbildung als Fluglotse beim damaligen Radio Schweiz (heute Skyguide). Von 1975 bis 1985 arbeitete er als Fluglotse in Genf.
1985 wanderte er mit seiner Familie nach Neuseeland aus, wo er zuerst einen Tante-Emma-Laden führte. Nach einigen Jahre Gelegenheitsarbeiten entschloss er sich 1988 zum Soziologie und Germanistikstudium, das er 1994 mit dem Magister und 2001 mit einem PhD in Germanistik abschloss.

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Die Titel der Reihe:
Krimikritik 1
Jacques
Berndorf
kk2
John
le Carré
Soziokrimi
Der
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Schweizer Krimi
Der Schweizer
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