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Die kritische Reihe zur Kriminalliteratur
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Paul Ott
Leseprobe:

Vorwort
Die Schweizer Unterhaltungsliteratur besteht in Form des Kriminalromans seit etwa 150 Jahren. Was sie vor aller anderen Literatur auszeichnet, ist der fast durchgängige Einbezug des Alltags in eine spannende Geschichte. Nirgends sonst - mit Ausnahme der ganz grossen Realisten des 19. Jahrhunderts wie Jeremias Gotthelf und Gottfried Keller - erfährt man derart vieles aus dem Leben der Menschen, aus dem Tagesgeschehen oder von der politischen Lage wie im Kriminalroman.

Dabei ist er nicht ausschliesslich unterhaltend, sondern trägt oft eine Botschaft mit. Die einfachste und augenfälligste ist das älteste literarische Thema der Welt: der Kampf des Guten gegen das Böse. Dass sich auch in der Definition dessen, was als gut oder böse betrachtet wird, in den letzten 200 Jahren einiges geändert hat, machen historische Vergleiche sichtbar.

Bei den Gerichtsreportagen und Verbrechensberichten steht das Moralische im Vordergrund, die Warnung vor verbrecherischen Taten. Damit rücken diese frühen Autoren in die Nähe eines Jeremias Gotthelf, der aus den Verfehlungen der Menschen ethische Schlüsse zieht, ohne dem Einzelnen seine innere Zerrissenheit zum Vorwurf zu machen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts beherrschen Verbrecherbanden das Geschehen, aber auch wahnsinnige Einzeltäter, die in beinahe schon utopischer Manier mit der Grundsubstanz des Lebens experimentieren, dem Tod ein Serum der Unsterblichkeit abringen oder mit der Bekämpfung von selbst erzeugten Krankheiten zusätzlich Gewinn machen. Wir sehen, die Themen sind modern, die geschilderten technischen Möglichkeiten auf der Höhe der Zeit.

Der Erste wie später auch der Zweite Weltkrieg werden kaum Thema des Kriminalromans, zu gross sind diese Verbrechen, zu menschenfeindlich müsste man beinahe sagen und dem literarischen Verbrechen eine menschenfreundliche Gesinnung zuordnen, weil es keine losgelösten Terrormaschinen schildert, sondern Menschen aus Fleisch und Blut in all ihren Widersprüchen, die manchmal eben auch auf Irrwege führen.

In den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts kommt die Weltpolitik ins Buch, sei es, dass die Verbrecher international handeln, sei es, dass Verschwörer und Agenten eine beherrschende Rolle übernehmen. Friedrich Dürrenmatt vereint in seinem Kommissär Bärlach Doktor Faustus und Wachtmeister Studer, ein Spagat, der genügend Abgründigkeit erzeugt, um auch heute noch wirksam zu sein.
Erst in den Achtzigerjahren entsteht eine neue Welle von Autorinnen und Autoren, die alle Bereiche des Genres ausloten und die Basis schaffen für die inhaltliche Breite des Kriminalromans, wie wir sie heute kennen: von der braven Detektivgeschichte bis zum Actionthriller, der die politischen Entwicklungslinien vorausahnt. Dass es unter all den publizierten Werken Texte von minderer und von höherer Qualität gibt - sowohl inhaltlich wie auch sprachlich - ist eine banale Feststellung und unterscheidet den Kriminalroman nicht von anderen literarischen Gattungen. Wenn wir aber eine historische Rückschau halten und uns fragen, was Leserinnen und Leser heute zur Hand nehmen, wenn sie ein Buch geniessen wollen, das die Atmosphäre, die Menschen und den Zeitgeist der Jahre zwischen den beiden Kriegen einfängt, sprachlich zumindest gelungen und inhaltlich spannend ist, dann wird nur ein Name fallen: Friedrich Glauser. Aber nicht er hat damals einen Literaturnobelpreis erhalten, sondern einer, den die meisten bereits vergessen haben (es war Carl Spitteler 1919). So mag es uns Heutigen zum Trost gesagt sein: Friedrich Glauser, der zeit seines Lebens mit dem literarischen Establishment zu kämpfen hatte, dessen politische Bemerkungen aus den Romanen gestrichen wurden, ist heute zu einer weit herum anerkannten literarischen Instanz geworden. Nach ihm ist auch der wichtigste deutschsprachige Krimipreis benannt. Vielleicht ist einer dieser Preisträger oder einer der vielen anderen der Glauser von morgen.


Textauszug zur wieder entdeckten Autorin Kaethe Baumann

(aus den drei Bereichen Biographie – Text – Bibliographie)

Kaethe Baumann: 4. 12. 1914 Elberfelde (D) – 3. 12. 1995 Lutry,
seit 1939 in der Schweiz, vorwiegend in Zürich; die erste Frau von Konrad Baumann, Verlagsleiter des ABC-Verlags; Pseudonyme: K. Baumann, Jack Miller, Jack Millers, Katrin Hart, Kathrin Hart

Von ganz anderer inhaltlicher Tiefe sind die Kriminalromane von Kaethe Baumann, was bestimmt mit ihrer grossen Lebenserfahrung zusammenhängt. 1914 in Deutschland geboren, lebte sie komfortabel auf Schloss Dammsmühle bei Berlin, das von den Nazis requiriert wurde, so dass sie mit ihrem ersten Ehemann 1939 in die Schweiz flüchten musste. Nach dem frühen Tod ihres Mannes heiratete sie 1943 Konrad Baumann, den Leiter des ABC-Verlags. Bis zur Scheidung 1951 erlebte Kaethe Baumann einen kreativen Schub, der mit Übersetzungen begann, der sie über Presseartikel und Kurzgeschichten zu drei Kriminalromanen führte (unter K. Baumann, Jack Miller und Jack Millers) und der Mitte der Fünfzigerjahre abrupt abbrach. Sie heiratete zwei weitere Male, verbrachte den grössten Teil ihres Lebens in Zürich und starb schliesslich 1995.
K. Baumanns ACHTUNG ÜBERFALL (1945) spielt, wenn man die geschilderten Örtlichkeiten betrachtet, eher in Deutschland, wenn auch die Namen fiktiv sind. Angeglichen wurde die Währung, es ist von Franken die Rede, so dass der Text als Schweizer Roman durchgehen konnte. In einem kleinen Voralpenbahnhof liest ein Einbrecher in der Zeitung von einem Ausbruch aus dem nahe gelegenen Zuchthaus: Carl Schubert, alias der Fuchs, Geldschrankknacker, Fälscher und Dieb, einer der gerissensten Gentleman-Verbrecher des Landes, ist abgehauen. Darauf gibt es eine Anhäufung von Kriminalfällen in der Umgebung, und es bildet sich eine Geldfälscherbande, die baumann-kaetheletztlich unter massivem Einsatz von Gewalt – mit einer Schiesserei und mit Bomben räumt die Polizei das Gebäude – unschädlich gemacht wird. Verschiedene Details verweisen auf die Erinnerungen der Autorin an Schloss Dammsmühle.

SPIONE (1946) unter dem Pseudonym Jack Miller (für die Aufdeckung der Pseudonyme halfen Verträge von Kaethe Baumann mit dem ABC-Verlag) beschreibt den Aufstieg von Oskar Lefèvre vom Angestellten zum Inhaber der Falken-Werke und den Mord an ihm in einer Silvesternacht. Inspektor Brunner von der Mordkommission ermittelt im Umkreis der zur Party Eingeladenen. Dabei kommen einige geheim gehaltene alte Liebschaften, Eifersüchteleien, aber auch ein im Streit verübter Totschlag von Lefèvre zum Vorschein. Ein verlorener Bruder kehrt aus Amerika zurück, eine Tante wird wahnsinnig. Der Privatsekretär bricht ins Direktionsbüro der Firma ein und stiehlt Unterlagen über die neuste Erfindung: flügellose Flugzeuge, ein torpedoähnliches Luftgeschwader. Er stellt die Pläne einem verfeindeten Land zur Verfügung, und die industrielle Produktion steht vor dem Zusammenbruch, weil dieser Staat dem Konzern zuvorkommt. In der Beschreibung des militärisch-industriellen Grosskomplexes, der Tanks, Panzerwagen, Jagdmaschinen, Bomber und Kanonen herstellt, zeigt sich eine unerwartet kritische Wahrnehmung der Verhältnisse während der Kriegsjahre: „Abseits von den Fördergruben und den Werkstätten stand ein langgestrecktes Gebäude. Seinen Eingang bewachte ein Kordon von Militär. Die Fenster waren bis in das oberste Stockwerk hinauf vergittert. Hinter diesen geschützten Mauern befand sich die eigentliche Geburtsstätte der Kriegsindustrie. Von hier aus gingen den Feinmechanikern die Pläne für raffiniert ausgeklügelte physikalische und optische Instrumente zu, die den Stahlmassen erst zum Leben verhalfen. [...] Dann schickte man diesen Triumph menschlichen Erfindergeistes über oder auf den europäischen Kriegsschauplatz, um seine verheerende Wirkung auszuprobieren.“ Am Schluss des Romans wird das Geschehen ins Familiäre zurückgeführt, indem sich die übrig bleibenden Mitglieder auf ihre eigenen Stärken besinnen, und wir erleben ein süssliches Happy-End voller Zukunftshoffnung und Opferbereitschaft.

Dem letzten Krimi von Kaethe Baumann, diesmal unter Jack Millers erschienen, mit dem Titel DAS ROTE CABRIOLET (1947) darf man zu Gute halten, dass er die Spielsucht und die darauf folgenden Katastrophen thematisiert. Inspektor Brunner erhält noch einen Auftritt und darf einen Spielschuppen in der Peripherie einer Stadt ausheben und einen Mord aufklären (ausgerechnet an einem unschuldigen alten Mann namens Carl Schubert – man erinnere sich an den Übeltäter im ersten Krimi). Er opfert dafür allerdings einen Teil seines Privatlebens, nämlich die Beziehung zu einer Tochter aus reichem Haus. Diese Geliebte liefert einen wunderschönen Satz, den ich hier am Ende des ersten Abschnitts über Krimis von Frauen zitieren will: „’Nun, wollen wir jetzt von etwas anderem schweigen?’ erkundigte sie sich spöttisch und warf ihm dabei wieder einen ihrer strahlenden Blicke zu.“

Kaethe Baumann: Achtung Überfall. Kriminalroman. Zürich 1945: ABC Verlag
Jack Miller: Spione. Zürich 1946: ABC-Verlag
Jack Millers: Das rote Cabriolet. Zürich 1947: ABC-Verlag (neu erschienen unter: Katrin Hart: Das rote Cabriolet. Bern 1954: Romanquelle Hallwag Verlag)


kk4schweizerkrimi

Paul Ott:
Mord im Alpenglühen.
Der Schweizer Kriminalroman
Geschichte und Gegenwart
ISBN: 3-935421-14-1
Paperback. 284 Seiten

18,00 Eur[D] / 18,60 Eur[A] / 28,60 Eur[sfr]
KrimiKritik 4

Erscheint im März 2005!




Paul Ott
Geboren 1955, aufgewachsen in Goldach am Bodensee und in St. Gallen, seit 1974 wohnhaft in Bern. ott-paul In den letzten fünfundzwanzig Jahren neben zahllosen journalistischen Arbeiten für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften mehrere literarische Veröffentlichungen sowie Herausgebertätigkeiten. Paul Ott hat im Jahr 2001 die ersten "Mordstage" in der Schweiz ins Leben gerufen. Die "Mordstage" sind inzwischen der flächendeckend grösste literarische Anlass, den die Schweiz je gesehen hat und findet 2005 vom 11. März bis 3. September in sechzehn kleineren und mittelgrossen Städten der Deutschschweiz statt.
Homepage des Autors: www.literatur.li

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Die Titel der Reihe:
Krimikritik 1
Jacques
Berndorf
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John
le Carré
Soziokrimi
Der
Soziokrimi
Schweizer Krimi
Der Schweizer
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