N O R D P A R K
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Roland Hoja
Ripley & Co.
Die sieben Todsünden des Kleinbürgers
oder
Kleinbürgerlichkeit und dekadente Genialität in tragenden Roman-Figuren der Patricia Highsmith
KrimiKritik 11
Oktober 2011, Euro 17,00 [D]
Paperback, 204 S.
ISBN: 978-3-935421-68-3

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Großartige Literarität
Vordergründig erscheinen die Figuren in den Romanen der Patricia Highsmith als »Opfer« ihrer ganz persönlichen Geschichte und letztlich »Gefangene« ihrer psychischen Anatomie, die sich in sich selbst winden und wenden, andere in ihren festgefahrenen Zirkel einbinden, indem sie diese und sich selbst für »mörderische« Zwecke gebrauchen oder aber selbst in solche hineingezogen werden.Patricia Highsmith selbst hat sich immer gegen kleinbürgerliche bis spießiggefährliche Zusammenhänge gewehrt, um daraus auszubrechen, aber sie ist immer wieder in den »Teufelskreis« zurück verfallen, wie ihr Leben davon Zeugnis gibt, wie allein dadurch auch die Konfiguration ihrer handelnden Personen von detailliertester empathischer Kenntnis dessen entsprechend geprägt ist.
Roland Hoja entdeckte in PH's Romanen großartige Literarität, geradezu geniale und wollte dies nicht nur für sich entdeckt lassen, sondern hat diese Entdeckung in »Ripley & Co.« weitertreibend aufgedeckt, literatursoziologisch beschrieben, analysiert und gewertet. Doch nicht als Werkanalyse und auch nicht Biografie bezogen, sondern ausgewählt partikular, komparatistisch im Kontext ihres Werkes.Nämlich: die auffällig kleinbürgerliche Denkens- und Lebens-Verhaltensweise,wie darin die Dekadenz des Großbürgerlichen in dessen jeweiligen Erscheinungsformen.
Das nicht nur entlang der Symptomatik von Handlungs- und Figurenkonstruktionen im Plot, sondern auch ausdrücklich in der Lesbarkeit von Einstellungen und Kommentaren der geschaffenen Figuren.
Deskription und Analyse werden dialektisch zueinander bezogen, um das Wesen der Erscheinungen auf der gesellschaftshistorischen Folie (1950-1995) aufzudecken und zu entdecken.
Lesende werden als PH-Kenner und auch ohne Voraussetzungen mitgenommen, gleichermaßen aber auch motivierend angesprochen, in den einen oder anderen Romanplot wieder oder neu aktiv einzusteigen.
Leseprobe
Einleitung
Nach dem genussreichen Lesen hauptsächlich der Ripley-Romane,
der dann folgenden Erweiterung auf andere Romane, wie z.B. der
Geschichtenerzähler als unterhaltende Bett- und Urlaubslektüre,
folgte eine längere Zeit ohne weitere Berührung. Die »Sucht« hatte
nachgelassen bevor sie mich überhaupt regelrecht erfasst hatte,
Kriminalromane anderer Autoren rückten in den Vordergrund zu
ebensolchem Zweck, nämlich der anregenden und aufregenden
Unterhaltung, aber eben mehr kurzweilig. Ein Übriges hatte 1999
die meines Erachtens miserabel verunglückte Verfilmung des »talentierten
Mr. Ripley« getan. Nicht nur die eigentlich großartigen
SchauspielerInnen Mat Damon, Gwyneth Paltrow und besonders
die wunderschöne Cate Blanchett waren hier völlig verkehrt in
ihren Rollen platziert, sondern auch Anthony Minghella hatte
es nicht verstanden, die widersprüchliche Brisanz dieses genialen
Typen in passende Schauspielerei und Szene zu setzen. Damit war
auch ungerechter- und unbeabsichtigter Weise erst einmal die Autorin
für meine weitere Lektüre uninteressant geworden, verlegt,
aber ohne Entscheidung natürlich gegen die Autorin.
Wäre diese nicht ausgerechnet Patricia Highsmith, hätte ich
wahrscheinlich keine Wiederaufnahme gesucht, bzw. wäre nicht
nochmals auf die Highsmith gezielt zugegangen, aber der mich vollends
beeindruckende Kriminalroman hatte mich zwischenzeitlich
auch nicht erreicht. Ich erinnerte mich plötzlich wieder, nach fast
einem Jahrzehnt, eben beim Suchen nach der Krimilektüre, an die
fast uneingeschränkte Identifizierung mit dem Mörder, mit dem
Mörderischen, dem genial Abnormen, dem Dekadenten, der Produktivität
des vermeintlich Pathologischen bei Patricia Highsmith
und der genial fesselnden psychocharakterlichen Entwicklung der
Handlung mit ebensolchen ungeheuerlichen und absonderlichen
Figuren des Alltags, nicht meines real existierenden Lebens, aber
damit sozusagen innerlich verbunden zustimmend-ablehnend
mit einigen wünschenswerten, aber auch ungeheuerlichen Seiten,
beispielsweise bei Guy Haines und Bruno Anthony in Zwei Fremde
im Zug, Bei gleichzeitig vollständiger Ablehnung dekadenter
Verhaltensmodi, insbesondere im Falle Ripley & Co, wie auch
kleinbürgerlich-spießiger in anderen Fällen, die mir figürlich nicht
mehr genau in Erinnerung waren, aber doch die Erinnerung an
bestechend protokollarische Detail-Schilderungen. Zudem die
Auffassung, dass hier eine Autorin regelrecht am Werk ist, die
fantasierend genial Fälle zu konstruieren in der Lage ist, die unter
meine Haut beim Lesen gehen, die mir aber auch verdeutlichen,
dass nur biografisch authentisches Sein dafür den Boden bereiten
kann.
Gleich der Wiedereinstieg (sozusagen ›Highsmith reloaded‹)
mit dem Zittern des Fälschers erfasste mich komplett, es war die
angenehm süß-exotisch, exilierte Situation des Schriftstellers und
Drehbuchautoren Howard Ingham in Tunis. Ich griff dann zum
nächsten: Ein Spiel für die Lebenden, worin mit Señor Theodore
Schiebelhut, Ramón und Lelia in Oaxaca eine Kulisse und ein
Treiben geschaffen wurde, das mich in seiner exotisch latenten
Kriminalität innerhalb einer Bohemien unter einfachen mexikanischen
Menschen faszinierte. Gerade auch die unbedarft dekadente
Luxuriösität mexikanischer Szene Kulturschaffender eine Faszination
schaffte, die ich ihrem Wesen nach dennoch ablehnte. Um
dann mit dem Stümper der Autorin vollständig ausgeliefert zu sein,
weil darin das mittelständisch Gutsituierte nahezu erstickend wirkt,
während das Mörderische, vollstreckt oder nur gedacht, produktiv
Befreiendes in sich birgt. Was war geschehen, gerade anhand solch
unterschiedlicher Plots und Figurationen?
Die Psychologie der Ungeheuerlichkeit wird logisch und alltäglich
normal entwickelt, ja sogar in die Normalität des Alltags mit
allen Affekten gestellt, als sei es so oder könne, ja müsse einfach so
sein. Die Gewohnheiten der Figuren, gewohnt gewöhnlich normal
kleinbürgerlich bis spießig im Kleinen bis hin zu großbürgerlich
dekadent ›normal‹ im Leben eines Künstlers und Schriftstellers wie
Schiebelhut (ein Spiel für die Lebenden), Ingham (das Zittern des
Fälschers), eines gut gestellten Ingenieurs oder Architekten, der sein
Berufsleben normal lebt, außerhalb dessen aber anomal denkt und
handelt, wie beispielsweise Robert Forester (Der Schrei der Eule),
Walter Stackhouse (Der Stümper), David Kelsey alias William
Neumeister (Der süße Wahn) und gerade auch der überzeugende
und genial schöngeistige Scharlatan Tom Ripley in diversen Rollen
in den auf ihn zugeschnittenen Ripley-Romanen. Ich entdeckte
auch verschiedene Seiten gutsituierter und schöner Frauen, wie
Carol und Therese, Homosexualität sinnlich schleichend entwickelnd,
auslebend neben aller gesellschaftlicher Tabuisierung, wie
auch Frauen in lebender Promiskuität, wie beispielsweise Nickie
Forester, Melinda Van Allen, Lelia Ballesteros und Alice Bartleby
mit Einschränkungen. Das faszinierte mich, regte mich auf und
an, weil sich insbesondere solche Frauen notwendig oder aus purer
Lust am Leben gegen meist ungeschriebene gesellschaftliche
Regeln stellen.
Hinzu fügte sich in meiner Lesart die sozialpolitische Einmischung
und Kommentierung der Autorin, die mich sehr stark vereinnahmte
und überzeugte. Nun las ich aber selbst anders als vor
Jahren, weil sich meine Denk- und Lebensumstände selbst geändert
hatten. Nicht allein dadurch, dass ich selbst Autor verschiedener
wissenschaftlicher Bücher, einem dokumentarischen Roman und
auch einem Kriminalroman geworden war. Und ich entdeckte in
PH’s Romanen großartige Literarität, geradezu geniale!
Das wollte ich nicht mehr nur für mich entdeckt lassen, sondern
diese Entdeckungen weitertreibend aufdecken, literaturwissenschaftlich
beschreiben, analysieren und werten. Doch nicht im
Ganzen und auch nicht biografisch, das ist schon geleistet, sondern
ausgewählt partikulär komparatistisch im Gesamtkontext ihres
Werkes.
Nämlich: das auffällig Kleinbürgerliche mit dessen spießigen
Affektionen, die Dekadenz des Großbürgerlichen in ihrer jeweiligen
Erscheinungsform als Symptom der seit Jahrzehnten morbiden
kapitalistisch orientierten Gesellschafts- und Lebensordnung, nicht
nur für die erste Dekade nach dem zweiten Weltkrieg und nicht
nur für die US-amerikanische Gesellschaft. Das in Verbindung
nicht nur entlang eingebetteter Symptomatik von Handlungs- und
Figurenkonstruktionen im Plot, sondern auch ausdrücklich in der
Lesbarkeit von Einstellungen und Kommentaren der geschaffenen
Figuren, z.B. zum Vietnamkrieg, dem so genannten 6-Tagekrieg
des israelischen Staatsapparates gegen das Volk von Palästina und
dem heftigen amerikanischen Antikommunismus zu Zeiten eines
McCarthy, zur Diskriminierung von Homosexualität, zu Nixons
Watergate oder Ronald Reagans Politik zu Zeiten des so genannten
›Kalten Krieges‹ oder in Europa nicht nur De Gaulles und Jacques
Chiracs Außen- und Atompolitik…etc.! Wie sich PH auch als
überschauende Autorin kritisch bis hasserfüllt in die funktionierende
manipulative Zuständlichkeit verschiedener Medien genau
zu diesen Themen einmischte.
Vordergründig erscheinen Figuren als Opfer ihrer ganz persönlichen
Geschichte und letztlich Gefangene ihrer psychischen
Anatomie, die sich in sich selbst winden und wenden, andere in
ihren festgefahrenen Zirkel einbinden, indem sie diese und sich
selbst für mörderische Zwecke gebrauchen oder aber selbst in
solche hineingezogen werden, möglicherweise noch selbst solche
fantasieren, wie beim Stümper oder dem Schrei der Eule, ohne
selbst irgendeine kriminelle Aktivität entwickelt zu haben.
Behilflich bei einer Einordnung auf moralischer Ebene sollten
mir die so genannten biblischen Todsünden oder mit B. Brecht
gesprochen Die sieben Todsünden des Kleinbürgers in Doppeltheit
sein: einmal als Beschreibungswerkzeug solch vorkommenden
subjektiven Habitus’ und des Weiteren als Kategorien, die in der
Erklärung begründet sein sollen durch objektive Zustände, die
wiederum als dialektisches Verhältnis darin zu verstehen sind.
Schwierig dabei erwies sich, wie zu lesen sein wird, dass ja PH
Moralität ablehnte zugunsten der Triebkräfte von Amoralität,
wenn auch sie selbst natürlich die Befreiung davon nicht hat
konsequent leisten können und wahrscheinlich auch nicht wollen,
haben dann doch ihre Figuren diese Arbeit geleistet und sie selbst
sich im Schaffungsprozess des Plots und der Figuren unbeschadet
weitgehend bürgerlich moralisch integer hat darstellen können bei
gleichzeitiger klammheimlicher, beklemmender, still schweigender
Frönung von Amoralität bis hin zu mörderischer Fantasie.
Ich lege hier die Auffassung zugrunde, dass natürlich die Psychologie
die eine Seite der Handlungs- und Figurenkonstellation
ist, während die andere begründet ist im extern kapitalistischen
Lebenszusammenhang. Der dadurch notwendig außengelenkte
Mensch und dessen Abhängigkeit von ihm fremden, aber lieb
gewordenen Strukturen, erfährt seine Handlungen und Charakterstrukturen
fälschlicherweise als seine nur ihm eigene und bekommt
sie als solche durch seine ihn umgebende Umwelt auch so immer
wieder bestätigt. Damit befindet er sich biografisch in einem Teufelskreis,
aus dem er sich eigentlich nur ›befreien‹ könnte, wenn
er auch das Äußere, ihm im Wesen Fremde angreifend auflöste,
zerschlüge, statt immer wieder sich selbst und andere, wie andere
ihn. Dabei werden kontinuierlich wirkende Institutionen, wie die
Polizei, die Medien, Vorgesetzte, Vermieter, Kollegen und letztlich
sogar Freunde ebensolche Mittäter und Mitträger der Verhältnisse,
die sie ständig generieren.
Patricia Highsmith hat sich immer gegen solche kleinbürgerlich
bis spießig-gefährliche Zusammenhänge gewehrt, um daraus auszubrechen,
aber sie ist immer wieder in den ›Teufelskreis‹ zurück
verfallen, wie ihr Leben davon Zeugnis gibt, wie allein dadurch
auch die Konfiguration ihrer handelnden Personen von detailliertester
empathischer Kenntnis dessen entsprechend geprägt ist. Es ist
trotz Kenntnis der Wirkungsweise der kapitalistischen Gesellschaft
bis in die Psychologie des einzelnen Menschen, dessen Morbidität
hier Ausdruck findet, dann doch immer wieder ein Schlag gegen
sich selbst oder gegen andere, die aber selbst damit verstrickt
sind. Dem hat sie in vollendeter Weise romansprachschriftlich
literarischen Ausdruck verliehen. Nicht aber, und das natürlich in
vollster Absicht, ein Genre einer Art antikapitalistischen Romans
ergründet, denn zu sehr steckte sie im Kreis des psychologisch
motivierten Kreisels, dessen Lösung in Verhaltensänderung durch
Psychoanalyse liegen sollte. Außerdem wäre so ihrer Fantasie und
dem daraus generierten Plot vollständig der Boden entzogen. Wir
Leser hätten nicht solche Kriminalromane.
Welche enorme Befriedigung muss es einem geben, eine Geschichte
so zu formen, wie er (Maupassant) es kann! Man muss
»formen« sagen, weil es nicht nur Schreiben ist, sondern Verdichten
und Wegschneiden, wie es ein Bildhauer macht, etwas meißeln, bis
es ganz schlank und klar ist. Und die Arbeit vertrauensvoll dem
Schmelzofen der Zeit übergeben; zu wissen, dass sechs vollendete
Seiten die höchste Form der Idee sind, die man gehabt hat: Diese
Befriedigung ist der einzig wahre Lohn des Künstlers, und das ist
seine größte Freude auf Erden.(1)
So wurde mir das Werk von Patricia Highsmith, ihr »formen«,
nicht nur zum Genuss, sondern gleichermaßen zur Aufgabe.
1) Patricia Highsmith, Notizbuch 2, Februar 1940. SLA (Schweizer Literatur Archiv) Bern/CH
INHALT
7 Einleitung
13
I. Individualisierung gegen System Kapitalismus
und Establishment
13 Die sieben Todsünden – kleinbürgerlich
17 Modus des kleinbürgerlichen Lebensstils als
Symptom morbider kapitalistischer Lebenszusammenhänge
19 Realkapitalistische Außenwelt im Spiegel der
Figurationen
32 Individuelle Mordfantasien und Mord als psychorealer
Befreiungsakt
55
II. Ripley & Co – Die Talente des Mr. Ripley als
Paradigma
57 Bohème – die Kunst des exilierten kleinbürgerlichen
Lebens im Luxus
60 Sexualität – Triebkraft, Ritual & Destruktion
77 Alkohol – Genuss, Ritual & Verderbnis
97
III. Ripley – die Kunst des exilierten
kleinbürgerlichen Lebens im Luxus und
dekadenter Genialität
97 Bohème – die Kunst des Lebens im exilierten
Luxus und dekadenter Genialität
101 Psychologie des Alltäglichen – Kleinbürgerlichkeit
als Verhaltensmodi der Lebensbewältigung
108 Kleinbürgerliche Einstellungs- und Verhaltensmodi
als authentische Facetten des Lebensstils
110 Der Plot als Logik entwickelter Charakterstrukturen
145
IV. Der süße Wahn als Sinn und Triebkraft
145 Die gutsituierte Weiblichkeit: Frauen erkennen
ihren sublimierten Anticharakter
151 Die Liebe zu Frauen: Realität korreliert mit
Fantasie
164 Männliche Homosexualität an weiblicher
Sinnlichkeit – die mörderische Gefahr liegt im
Männlichen
172 Promiskuität als Notwendigkeit des Seins
179
V. Individualismus und
gesellschaftsverantwortliche Haltung der
Autorin als Kulturschaffende
179 Textimmanente Rekurse und Diskurse zu Politik
und Kultur
197 Schluss
200 Literaturverzeichnis
203 Biografie
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