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REGIONALES | Gesellschaft
12.02.2003 - 06:00

Karl Otto Mühl zum 80. Geburtstag

picture net-content.org Der Wuppertaler Dramatiker, Romancier und Lyriker Karl Otto Mühl






Wuppertal Die Unermüdlichkeit des Geistes ist vermutlich der Weg zu ungebrochener Schaffenskraft von der Frische der Jugend bis in die Reife des Alters. Der Wuppertaler Dramatiker, Romancier und Lyriker Karl Otto Mühl ist diesen Weg gegangen und geht ihn noch. Am 16. Februar feiert er seinen 80. Geburtstag.

An den Wänden seines Arbeitszimmers sind Fotos angeheftet: Max Schmeling ist zu sehen und Hermann Schulz. Franz Kafka und Siegmund Freud teilen sich den Platz mit Werner Zimmermann, Karl-Heinz Schniewindt und einigen anderen. Diese Männer bedeuten ihm etwas, deshalb möchte Karl Otto Mühl ihre Fotos da um sich haben, wo er schreibt.
Angefangen hat es vor gut 70 Jahren, wenige Jahre nachdem der 1923 in Nürnberg geborene Sohn eines Werkmeisters durch die Versetzung des Vaters 1929 in die gerade erst zusammen gefügte Stadt Wuppertal gekommen war. Der Anstoß zum Schreiben kam von einem alten Herrn aus der Nachbarschaft, einem ehemaligen Straßenbahnschaffner. Der kluge Mann, der Mühl erinnert sich genau ein altväterliches Hörrohr aus Messing benutzte, sprach oft mit dem Knaben und ermunterte ihn, aufzuschreiben, was da in seinem Kopf vorging. Der Junge schrieb, wandte sich an die Lokalzeitung «General-Anzeiger» und konnte 1932 in der Jugendbeilage erste Kindergeschichten veröffentlichen. Später schrieb er neben dem Besuch der Realschule und der Lehre als Industriekaufmann weiter. Gedichte, Theaterstücke und «Epigonales», angeregt von großen Vorbildern.

1941 wurde Karl Otto Mühl zur Fahne gerufen, musste in den Krieg ziehen. Bis 1942 hatte er die literarische Produktion vom Zufall des Einfalls abhängig gemacht. Sein Krieg währte ein Jahr, er überlebte, geriet in der libyschen Wüste bei El Alamein in englische Gefangenschaft. Nun schrieb er mit Plan Dichtung zum Überleben. Fünf Jahre verbrachte der junge Mann, der kein Soldat hatte sein wollen, in Gefangenenlagern in Afrika, Europa und den USA. Und er schrieb: Gedichte, Aphorismen, Erinnerungen, Gedankenfetzen, Ideen in schmale Oktavhefte, Kladden, die er bewahren konnte und 1947 mit zurück nach Hause brachte. Für die «Bergische Zeit» öffnete Mühl sein Archiv und erlaubte die Erstveröffentlichung bisher ungedruckter Texte:

Da wir es fühlten

Die bange Lust von Sommernachmittagen,
und gelbe Felder, die den Himmel tragen,
ein Dornbusch, starrend, wild verzweigt,
der sich in seinen Schatten neigt
die Nächte nahen barfuss, nicht zu hören,
und gehen früh und wissen, dass sie stören.

Wir liessen stumm erschreckt die Arme nieder.
Es blinzelte durch träge Augenlider
ringsum mit schmalem Blick die Welt;
die Krüge wurden hingestellt,
und standen durstig an verdorrten Flüssen---
da wir es fühlten, dass wir sterben müssen.

(auf 1944/45 zu datieren)

1944 hatte Mühl in Naples/New York als «Prisoner Of War» zum Traubenpressen dienstverpflichtet, den Dramatiker Tankred Dorst kennen gelernt und Impulse von ihm bekommen Die Wege der beiden sollten sich später erneut kreuzen. Ins Ruinenfeld des zerstörten Wuppertal zurück gekehrt, folgte er dem Ruf Paul Pörtners, sich der Künstlergruppe «Der Turm» anzuschließen. Robert Wolfgang Schnell und später Tankred Dorst gehörten wie der kürzlich verstorbene Maler Wolfgang vom Schemm dazu. Man sprach über Literatur und Kunst, Mühl schrieb Kurzgeschichten. 1948 legte er am Carl-Duisberg-Gymnasium sein nachgeholtes Abitur ab. Der Neuanfang war gemacht. Jetzt aber galten erst einmal Beruf und Brot. Diese Zeit beschrieb er in seinem erfolgreichen Romanerstling «Siebenschläfer», den er als mittlerweile leitender Angestellter zwischen 1964 und 1969 geschrieben hatte, aber erst 1975, im Jahr nach seinem Durchbruch als Dramatiker mit "Rheinpromenade" veröffentlichte. Auch das mit durchschlagendem Erfolg (ca. 70 Inszenierungen) die deutschen Bühnen stürmende Stück hatte Mühl «nebenbei» geschrieben: «Täglich 20 Minuten hatte ich, während ich im Ratskeller Neuss auf meine Frau wartete», erinnert er sich. 1970 hatte Mühl geheiratet. Drei Töchter hat er mit seiner Frau Dagmar Friebel.

Weitere Theaterstücke folgen: «Rosenmontag», «Kur in Bad Wiessee», «Die Reise der alten Männer». Dreizehn sind es seither geworden, dazu Drehbücher zu Fernsehfilmen, Hörspiele, Romane und Gedichte. Der 1975 verliehene Von der Heydt-Preis beflügelte. Schon 1972 hatte sich Mühl durch Vermittlung Horst Laubes und Tankred Dorsts dem Verlag der Autoren angeschlossen, aber auch beim Hermann Luchterhand Verlag und beim Rotbuch Verlag veröffentlicht. Seit 2002 hat er für Prosa und Lyrik eine neue Verlagsheimat beim Wuppertaler NordPark Verlag gefunden, der seinen jüngsten Gedichtband «Inmitten der Rätsel» und aktuell eine Neuauflage von «Siebenschläfer» vorlegt. Die Arbeit geht weiter. Karl Otto Mühl hat schon den nächsten Roman «in der Schublade». Noch 2003 wird er unter dem Titel «Die nackten Hunde» erscheinen und autobiographisch angelehnt die 30er und 40er Jahre in Wuppertal beschreiben. In Arbeit ist der ebenfalls autobiographische Roman «Das Ende des Kanonenkönigs», der den Afrika-Feldzug und die Kriegsgefangenschaft aufarbeitet und damit nicht genug, ist unter dem Arbeitstitel «Die hungrigen Könige» bereits die an Intrigen und Erotik, Dramatik und Erpressung reiche Geschichte eines Managers konzipiert. Mühl denkt nicht daran, aufzuhören. «Ein bisschen weniger vielleicht», sagt er und: «Das Leben ist ein ständiges Weiterkriechen.» Seit einer 1982 glücklich überstandenen Krebsoperation hat er einen etwas anderen Blick gewonnen. «Wir sind ein Prozess, aber die Leute wollen immer gerne, dass wir ein Denkmal sind.» Am 13. Februar, drei Tage vor seinem Geburtstag, wird Karl Otto Mühl mit einem Festakt in der Elberfelder Stadtbibliothek geehrt. Text und Foto: Frank Becker


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