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Velser, Ruth:
Ronsdorfer Kindheit
Ein Untergang in 23 Impressionen
56. S.; 2007; EUR 5,50;
ISBN: 978-3-935421-24-9


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Leseprobe

»Dem Schlüssellochgucker pustet das Christkind die Augen aus. Kaffeetrinken, Nußkuchen, das Glöckchen. Das letzte glückliche Weihnachten. Schon ein kleiner Schatten«

Ein schwieriges Aufwachsen in Zwängen und nicht erfüllbaren Erwartungen, ein Annehmen und Zurückweisen, sich heimisch fühlen und fremd werden, ein Leben zwischen familiärer Enge und schulischen Normen, in einem kleinstädtisch-dörflichen Milieu vor den großen Verwerfungen der Studentenrevolte. In kunstvoll knapper Sprache und eindrucksvollen Bildern beschreibt Ruth Velser ihren Weg zwischen Distanz und Nähe, Anpassung, Ablehnung und Rebellion zur Persönlichkeit und Künstlerin.





Leseprobe:


KLEIN JERUSALEM

Der Bombenangriff auf Ronsdorf vom 30. Mai 1943 legte die Stadt in Trümmer. Hinter vorgehaltener Hand war die Rede vom Gottesgericht. Feuerwerksfabrik, Bandweberei, Staudengewächse, lernen wir in der Schule. Fünfziger Jahre. Die Gartenstadt. Die Stadt in der Mulde. Klein Jerusalem.
Ich werde ES dir ausprügeln, sagt der Vater, und wenn ich dir die Seele aus dem Leib schlage, ich schlag dich tot.
Breitestraße und Elias-Eller-Straße. Vormals Adolf-Hitler, davor Deutschherren. Kleins Eck, Gänseblümchenwiese mit Sitzbank und Magnolie. Vormals Elias Haus mit Erker, Einblick in die beiden Straßen.
Ich glaube an den allgegenwärtigen Elias Eller, Sein Name der Wind und die Ruinen.
Abends im Elternbett, die Eltern beim Kegeln. Kohlköpfe zählen von der Tapete. Einschlafen, wenn die Kneipe an der Ecke dichtmacht. Unsre Omma fährt im Hühnerstall Motorrad. Im Gleichschritt Straße rauf. An- und abschwellendes Gegröle. Lesen lernen nach Nils Holgersson. Und wie die Alten vom Nils schieben mir die Eltern den Lehnstuhl an den Sofatisch, lies schön. Helens Kinderchen, Blauleinen, gotische Schrift, riecht wie Großmuttis Frauenromane. Mit Jim Knopf durchs Dunkelland.
Meine Kinderbibel und jeden Sonntag zur Sonntagsschule. Die Sonntagsschullehrerin für die Kleinen.
Und die Schwachsinnigen. Inzucht. Beim Bäcker und beim Metzger.
In Teerpappebaracken und in Kellern. Wiederaufbau. Noch steigt Rauch aus den abgeschnittenen Häusern. Die Kamine, wo das Erdgeschoß war.
Waschküchen. Und es wird viel gewaschen. Montags und an den katholischen Feiertagen. Die Frauen in Kittelschürzen zum Gemüsekarren. Die Alten in Schwarz mit weißen Kleinblümchen, schwarze Pullover, schwarze Strümpfe und schwarze Bröckelschuhe. Die Männer im Blaumann auf Arbeit. Mittags trägt Harald Henkelmann in Betrieb. Oder ein Bandstuhl im Sched. Männer im Sonntagsanzug und die Frauen in Kleines Geblümtes für eine Runde um die Talsperre. In den Fenstern Kissen. Drauf dicke Arme.
Breitestraße 39. Unten Metzgerei. Pflanzentapete im Flur. Tür zum Wohnzimmer, zur Küche und zum Bad. Wohnzimmer mit Kohleofen. Küche mit Kohle und Gas. Von der Küche ins Elternschlafzimmer, vom Elternschlafzimmer ins Kinderzimmer. Burschenkammer. Der Vater schließt abends von außen ab. Gitterbett, Ausziehtisch für 12 Personen, zehn Stühle draufgestapelt, Regal mit Büchern. Technik, Sprachführer, »Das Leben der Urwelt«, »Sulamith Wülfing«, »Die Welt des Biedermeier«. Blick aus dem Fenster auf den Hof mit Teerpappehaus und Wurstküche. Geht Tür auf, und die drei Metzger, Großvater an zwei Stöcken, Vater und Sohn stehen in der Sonne. Dann gehen sie zum Essen ins Haus.
Die Frauen brauchen nicht über die zwei Straßen hinaus, denn es gibt alles. Zwei Bäcker, drei Metzger, Lebensmittel und Konsum, Getränke, Kneipe, Zigarettenautomat, Gärtner, Schuster, Frisör, Dentist, Elektriker, Klempner, Glaser, Schreiner, Sargtischler. Schreibwaren, Textilgroßhandel und Reformierte Kirche in der Elias-Eller-Straße.
Straßenbahn nach Sündenbabel Elberfeld. Drei Haltestellen vor den Millionärsvillen, aufgelöst seit der Inflation. Da einfach leben in Klein Jerusalem Ehrensache und nach dem Krieg keine Wahl ist, träume ich vom König, der in seinem Wegen am Eisteich vorbeifährt.
Ich ziehe das blaue Samtkleid an von Marieluise mit dem Blechschmetterling. Zu Klaus Bande im Wilden Garten. Als Squaw im Topf rühren, Späher aufm Baum oder Auftragspetze bei Gärtner K., dem der Garten gehört. Überfall mit Bleichgesicht. Von den Elastomere-Indianern nehme ich die Squaw mit Topf und die mit dem Kind auf dem Rücken. Als die Pech anrühren, halten die Jungs zusammen. Meine Indianer mit Ritterburg aus der Bodenkammer von den Cousins. Ich darf die Matchbox PKWs über die von Klaus mit Raupe und Kipplaster planierten Wege fahren. Harald ist Polente und Feuerwehr. Unreife Stachelbeeren und Rhabarber ohne Grimassen essen. Weiber, winkt Harald ab.
Auf morsche Bretter, Abfall aus der Schreinerei, Schieferteiche, Stöckchenzäune, Mooswiesen, Kieswege, Teerpappebrückchen. Verboten ist Kartenspielen mit Jungs. Paar Jahre später spielen wir Mau Mau und langweilen uns. Mau Mau, ein schlimmes Wort am Eßtisch. Der Vater ist nicht in Afrika.





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Info:
Ruth Velser


Bio-/Bibliographie
geboren 1953 in Bonn. Aufgewachsen in Wuppertal. Nach dem Abbruch des Lehramtsstudiums von 1985 bis 1991 Studium an der Kunstakademie Düsseldorf. Danach Portraitmalerei und vermehrtes Schreiben. Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften.
[Foto: Birgit Ohlsen, Berlin]

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