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Rolf Schörken:
Indianer spielen und marschieren.
Kindheit und Kinderkultur im Barmen der 1930er Jahre
Paperback, 184 Seiten
EUR 12.00, April 2006;
ISBN-10:
3-935421-23-0
ISBN-13:
978-3-935421-23-2
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Rolf Schörken, im Fischertal in Barmen aufgewachsen, hat einen »Barmer Ton« für seine Erinnerungen gefunden, der sich wohltuend von bemüht literarischen Biographien unterscheidet und etwas von der nüchtern herzlichen Lebensart beinhaltet, die den Osten Wuppertals ausmacht.
Zudem hat der Historiker Schörken einen interessanten Weg gewählt, eine höchst lesenswerte Mischung aus persönlichen Erinnerungen und historischer Analyse zu schaffen, die mehr als regionales Interesse hervorruft.
Schörken spiegelt eine erlebte Zeit und versucht zugleich, ein von den Medien geprägtes Bild der Epoche zu korrigieren.
Leseprobe
Wenn man die vielen Autobiographien sichtet, die im letzten
Jahrzehnt geschrieben wurden, so fällt auf, daß die meisten und
gerade auch die besten von Leuten gehobener oder doch
wenigstens "pointierter" Herkunft geschrieben wurden. Mit "gehoben"
meine ich Leute aus namhaften Familien, seien sie nun
wissenschaftlich oder künstlerisch hervorragend, seien sie adlig
oder großbürgerlich mit "Hintergrund", und mit "pointiert" denke
ich an Autoren, deren frühzeitige Leistungen wohl auch nicht
ganz ohne die Hilfe oder wenigstens die hilfreiche Atmosphäre
ihrer Familien denkbar gewesen wären, wie Ralf Dahrendorf, dessen
Vater ein prominenter Sozialdemokrat aus der Zeit der Weimarer
Republik war, oder Nikolaus Sombart, Sohn eines Gelehrten
von Weltrang. Die Leistung dieser Autoren wird dadurch
natürlich nicht gemindert. Aber sie hatten einen Vorsprung. Junge
Leute mit solchem Hintergrund stiegen zu einem Zeitpunkt in
den Bildungsprozeß ein, als viele ihrer Altersgenossen noch in
Kriegsgefangenschaft oder als Flüchtling mit dem blanken Überleben
beschäftigt waren. Aber auch vielen der weniger Prominenten
war eine bedeutsame Hilfe in ihrer Persönlichkeitsentwicklung
schon während der Schulzeit geschenkt, mindestens
aber eine halbwegs störungsfreie Entwicklung und eine Förderung
durch Familie oder ältere Freunde. Ein enormer Entwicklungsvorsprung
konnte allein dadurch entstehen, daß Fähigkeiten
der Kinder frühzeitig erkannt und gefördert wurden und daß
man vor allem wußte, wie eine solche Förderung denn auszusehen
hatte und wie sie ins Werk zu setzen war, ganz zu schweigen
vom Netzwerk einflußreicher Verwandter oder Freunden der
Familie.
Aber es gab auch ganz andere Kindheiten, die wenig Aufmerksamkeit
auf sich zogen und selten einen schriftlichen Niederschlag
fanden. Deshalb konnten sie leicht vergessen werden,
zumal wegen der völligen Veränderung der Lebensumstände kein
gerader Verständnisweg von heute in die damaligen Verhältnisse
führt.
Die Welt meiner Heimatstadt, von der ich hier schreibe, ist
ausgelöscht, und zwar gleich auf mehrfache Weise: Am radikalsten
durch den Luftangriff vom 30. Mai 1943, der von einem
Tag auf den anderen nicht nur die vertraute Lebensumwelt und

das Zusammensein mit Freunden und Kameraden, sondern die
Kindheit selbst wie mit der Schere abschnitt, dann noch einmal
durch die Veränderungen des häßlichen und untalentierten Wiederaufbaus,
der mir meine Heimatstadt, an der ich hänge, arg
verleidet hat, und schließlich durch einen noch längst nicht abgeschlossenen
sozialen Wandel, der den Lebensstil und die Lebensumstände
aller berührt und vieles von dem, was ich hier
niederschreibe, als geradezu vorsintflutlich erscheinen läßt. Aber
gerade deshalb auch als erinnerungswürdig!
Das Fischertal ist kein Tal, sondern eine steile Straße, die
sich vom Zentrum Barmens, dem Alten Markt (oder besser: dem
Ollen Matt) auf die südlichen Waldhöhen hinauf zieht. Es war
eine Wohnstraße mit dichter, gemischter Bebauung, aus sehr
einfachen Fachwerkhäusern bestehend, manche im bergischen
Stil mit Schieferverkleidung und grünen Schlagläden, andere
holzverkleidet, zwischen die hier und da solidere große Steinbauten
gesetzt waren, unter anderem die katholische Volksschule
Fischertal, die Wöchnerinnenklinik von Dr. Drews und Wohnhäuser
von höherem Anspruch, die meist von Beamten und
Angestellten bewohnt waren. Im oberen Teil, schon nahe am
Wald, gab es einige bescheidene villenähnliche Häuser mit Vorgärten.
Die Straße hatte Kopfsteinpflaster, war auf einer Seite
mit Platanen bepflanzt und hätte den Charakter einer Allee haben können, wäre sie nicht so eng und steil gewesen. Ein großer
Vorteil dieser Wohnlage war für Kinder mit ihren schnellen Beinen,
daß man rasch unten in der Stadt und ebenso rasch oben
im Wald war.
Es gibt diese Straße auch heute noch. Aber sie hat wenig mit
der Straße meiner Kindheit zu tun. Es ist etwas anderes daraus
geworden, und wenn ich hindurch fahre, werden keine Kindheitsgefühle
mehr in mir wach. Sie wurde genau wie das gesamte
Stadtviertel und das Zentrum beim Luftangriff mittels einer wohl
erwogenen Mischung von Brand- und Sprengbomben vernichtet.
Die Fachwerkhäuser brannten wie Zunder, es blieben nur
noch kniehohe Trümmer übrig, während von den Steinhäusern
hier und da wenigstens noch eine verbrannte Mauer aus dem
Schutt ragte.
Das alte Barmen, durch die Textilindustrie groß geworden,
war als eine der frühesten Industriestädte Deutschlands nie eine
schöne Stadt, aber doch eine sehr eigenartige und unverwechselbare.
Schon deshalb mag es sich lohnen, einmal einen Blick auf
diese untergegangene Welt zu werfen, einen Kindheitsblick.

Zehn Jahre meiner Kindheit habe ich im Fischertal verlebt,
die zehn wichtigsten von 1933, als ich vier bzw. fünf Jahre alt
war, bis 1943, da war ich vierzehn und wurde fünfzehn. Wenn
ich sage, es seien glückliche Jahre gewesen, so wird mancher Leser
fragen: "Wie kann die Nazizeit glücklich gewesen sein?" Aber
kindliches Erleben ist etwas anderes als erwachsenes Erleiden,
und deshalb erinnern sich wohl die meisten Menschen ihrer Kindheit
als einer glücklichen. Diese Jahre haben mir einen Fundus,
den ich nicht missen möchte, für die späteren mitgegeben. Ich
habe im oberen Teil der Straße gewohnt, zunächst in Nr.74,
dann gegenüber in Nr. 75. Heute sieht das alles völlig anders
aus, gesichtslos, monoton, und nichts zieht mich mehr hin.
Damals war es teilweise ärmlicher, teilweise kräftiger und bunter,
weniger geschlossen, immer abwechslungsreich, nicht nur
wegen der Bauformen der Häuser, sondern auch, weil noch die
hügelige Topographie rechts und links zugänglich war. Ich schließe
nicht aus, daß vielleicht auch erst die Erinnerung die Dinge
so plastisch macht.
Im folgenden bemühe ich mich vor allem um Einzelheiten,
auch um sehr geringfügige und sehr individuelle, weil ich nur so
die Buntheit meiner Erinnerungen wiedergeben kann. Dabei
dürfte aber auch noch das Individuellste den Stempel der Zeit
tragen. Es geht mir nicht einfach um Autobiographisches. Das
eigene Erleben dient mir nur als Station auf dem Wege, in die
verhältnismäßig geschlossene Welt des kindlichen Tuns und
Wahrnehmens einzutreten, auf die wir heute bereits als auf eine
historische Formation zurückblicken. Kinder spielen heute nicht
mehr so wie damals, sie verbringen ihre Tage anders, leben in
ihren Familien und auch außerhalb anders, haben andere Wahrnehmungshorizonte.
Meine ursprüngliche Absicht, ein heiteres Büchlein zu schreiben,
ließ sich nicht durchhalten. Es machte sich ganz ohne meinen
Willen eine Gegenströmung fühlbar. Je stärker die Zeitgeschichte
und die Politik ins kindliche Leben hinein ragten, umso
mehr kam ein Moll-Ton zum Tragen – wobei der Ausdruck
"Moll-Ton" eine arge Untertreibung ist ...
Links:
Meierei Fischertal
Alte Ansichten Barmen 1
Alte Ansichten Barmen 2

Rolf Schörken wurde 1928 in Barmen geboren. Kindheit im
Fischertal bis zum Luftangriff 1943. Danach als Luftwaffenhelfer
im Ruhrgebiet schwer verwundet. Nach der amerikanischen
Kriegsgefangenschaft weiterer Schulbesuch und Studium der
Geschichte, Germanistik und Philosophie. 1974 Professor für
Geschichtsdidaktik und politische Bildung in Duisburg, zahlreiche
Bücher und Publikationen über die Zeit des Nationalsozialismus
und zur Geschichtsdidaktik.
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