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Reinhard Giebel
Rein akustisch

Kurzgeschichten
Die Besonderen Hefte
Heftbroschur mit Schutzumschlag
Fadenheftung, 88 S., Euro 10,50
ISBN: 978-3-943940-27-5


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Die Besonderen Hefte werden eigenhändig in der Werkstatt des NordPark Verlages gesetzt, nach Bedarf in kleinen Auflagen auf dem Werkdruckpapier Schleipen gedruckt, dann handgefalzt und handgeheftet und in den Schutzumschlag aus dem feinen Schleipen-Vorsatzpapier des Papierherstellers Cordier aus Bad Dürkheim eingeschlagen.


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Unverhoffte Brüche und absurde Katastrophen

Reinhard Giebels Geschichten kommen scheinbar harmlos daher. Mit sorgfältigen Sätzen und präzisen Darstellungen malt er deutsche Alltäglichkeiten und beschreibt die Menschen in ihrem Leben in dieser oft wohlgeordneten Welt. Nur lässt sich das Leben nicht vollends planen und Giebels hintergründiger, sanfter Humor begleitet die unverhofften Brüche, die kleinen Unfälle und absurden Katastrophen mit heiterer Gelassenheit und experimenteller Phantasie ...


Ausführliche Leseprobe als pdf-Datei









Leseprobe:

Die Amis kommen!
April 1945. Der 2. Weltkrieg nähert sich seinem Ende. Deutschlands militärische Lage ist ausweglos.
In einer kleinen Großstadt in Südniedersachsen hat der Krieg bisher relativ geringe Schäden angerichtet. Familie Bode macht sich dennoch Sorgen, da der Einmarsch der Amerikaner in ihre Stadt bevorsteht.
In den vergangenen Wochen und Monaten hatten Hans und Irmgard Bode mit ihren zwei Kindern im Alter von zwei bzw. fünf Jahren viele Stunden, oft des Nachts, im Luftschutzkeller ihres Wohnhauses verbracht. Die Luftschutz-»Übung« folgte immer dem gleichen Rhythmus: Eine durchdringende Sirene heulte auf und warnte vor Fliegerangriffen / die Bewohner des Hauses bewegten sich in den Keller / es folgte qualvolles Warten im Dunklen / schließlich Sirenen-Entwarnung, wenn die Gefahr vorüber war.
Während die Erwachsenen dumpf vor sich hinbrüteten und kaum sprachen, fanden einige der anwesenden Kinder die Situation, die sie natürlich nicht richtig einstufen konnten, aufregend, zumindest außergewöhnlich. Gottseidank fiel nie eine Bombe auf das Haus.
In jenen Tagen der Ungewissheit erreichte die Bodes ein Telefonanruf von Verwandten, die in einem nahegelegenen Dorf einen Bauernhof bewirtschafteten. Sie wurden eingeladen, dort zusammen mit einigen anderen verzweigten Familienmitgliedern das Kriegsende zu erwarten. Man war fest davon überzeugt, dass auf dem Land kein militärischer Großeinsatz durchgeführt und infolgedessen die Gefahr für Häuser und Menschen geringer als in einer dicht besiedelten Stadt sein würde. Herr und Frau Bode sagten freudig zu, platzierten ihre Kinder und die wichtigsten Habseligkeiten in einen geräumigen Handwagen und machten sich zu Fuß auf den Weg zu dem nahegelegenen Dorf, das ungefähr sieben Kilometer entfernt lag.
Auf dem Bauernhof - die Bäuerin war Frau Bodes Schwester - warteten nun insgesamt acht Erwachsene und sechs Kinder gemeinsam in der Wohnstube auf das Kriegsende.
Der Sicherheit halber wurden die Lichter ausgeschaltet. Draußen spielte sich ein absurdes Artillerie-Schauspiel ab, von den Erwachsenen mit Sorge, von den Kindern mit Neugier und Aufregung beobachtet: Die Amerikaner legten ein Trommelfeuer vor, das den Himmel in leuchtende Farben verwandelte. Sie gingen kein Risiko ein, weder materiell, noch personell. Als Antwort folgten schwache Erwiderungen einer Einheit der deutschen restlichen Durchhalte-Truppen. Dann eine kurze Pause. Dann der gleiche Ablauf, wobei die deutsche Antwort immer schwächer ausfiel.
Nach drei Stunden wurde es still. Ein Auto fuhr auf den Hof, man hörte Türen knallen und knirschende Schritte. »Jetzt kommen sie«, flüsterte ein Erwachsener.
Die Nazi-Propaganda hatte es den Deutschen jahrelang eingehämmert, dass die amerikanische Bevölkerung zu einem nicht geringen Teil aus Juden und Negern bestand und dass ein Zusammentreffen mit diesen Untermenschen höchst unerfreulich sein könnte.
Die Haustür wurde geöffnet, die Klinke zur Wohnzimmertür heruntergedrückt und es erschien ein Soldat der amerikanischen Armee. Er brachte eine Taschenlampe zum Vorschein, leuchtete auf die Anwesenden im Raum und knipste das Deckenlicht an. Im nächsten Augenblick sah jeder, dass dieser Soldat ein Schwarzer war. Einige Frauen kreischten kurz auf - ein Effekt der Nazi-Indoktrination. Hinter ihm kamen drei weitere Soldaten, Weiße. Einer von diesen, Sergeant und Wortführer, fragte, ob jemand Englisch spräche. Hans Bode meldete sich, er verfügte über passable Kenntnisse, um sich zu verständigen. Ihm wurde bedeutet, dass die vier Soldaten zumindest diese Nacht auf dem Hof bleiben würden, und der Soldat bat die Bäuerin und Bode, ihm die Schlafgelegenheiten zu zeigen. Später sollte die Bäuerin erzählen, dass sich einer der U.S.-Soldaten in voller Montur und mit dreckverschmierten Stiefeln auf ein Bett fallen ließ.
In der Zwischenzeit - die Kinder und die Erwachsenen saßen noch immer regungslos da und warteten auf die Dinge, die da kommen sollten - war der besagte Farbige nach draußen gegangen; er kam nun mit einem Sack zurück, den man normalerweise mit dem Nikolaus assoziiert und ging auf den Esstisch zu. Er schnürte den Sack auf und schüttete eine große Menge Bonbons, in buntem Papier verpackt, auf den Tisch. Mit den Worten »Hey kids, come on!« forderte er die Kinder auf, sich zu bedienen. Zwei Frauen zischten durch die Zähne: »Nicht anfassen! Die sind bestimmt giftig!«. Die Kinder ließen diese Worte kalt, sie drängten zum Tisch und stopften sich den Mund voll mit den Bonbons.
Der Sergeant instruierte Hans Bode, dass er - wenn nicht noch etwas anderes beschlossen würde - als eine Art Dolmetscher für die Amerikaner fungieren sollte. Sie würden ihm den Standort ihres neuen Hauptquartiers so schnell wie möglich bekanntgeben.
Am nächsten Tag erfuhr er, dass sie sich festgelegt hatten auf den Bauernhof der Familie Schachtebeck, weiter unten im Dorf, und dass er sich von nun an jeden Morgen um 9 Uhr dort einfinden sollte, um die Tagesbefehle entgegenzunehmen und dann deren Zusammenfassung den Dorfbewohnern mitzuteilen.
Am vierten Morgen stellte er sich wie gewohnt ein, hatte eine kurze Unterredung mit dem Standort-Kommandanten, und nachdem alles besprochen war, verabschiedete er sich und sagte: »Good-bye, and Heil Hitler!«
Er hatte sich schon halb zum Gehen abgewandt und fühlte im nächsten Augenblick, dass sein Blut gefror. Er erwartete alles Mögliche, eine standrechtliche Erschießung nicht ausgeschlossen. Er war weder Parteimitglied gewesen, noch hatte er eine besondere Beziehung zum Nationalsozialismus gehabt. Es war einfach diese Angewohnheit, überall und jederzeit den Hitlergruß anzufügen, weil das grundsätzlich von jedem »Volksgenossen« erwartet wurde. Dabei war Hans Bode während der Nazi-Herrschaft vom Glück begünstigt gewesen: Er war Eisenbahner mit Leib und Seele, hatte sich vom Schlosserlehrling an hochgearbeitet und war zu Beginn des Krieges als »UK [= unabkömmlich] Heimatverwendungsfähig« erklärt und mit der Leitung eines Bahnhofs einer benachbarten Stadt betraut worden; diese Funktion hatte er bis in die Endphase des Krieges innegehabt. Hier aber - in der Ortskommandantur - hatte er in diesem Moment das Gefühl, von allen guten Geistern verlassen worden zu sein. Nach einer kleinen Ewigkeit drehte er sich langsam um. Der Amerikaner saß entspannt in seinem Bürosessel, die Beine auf dem Schreibtisch vor sich ausgestreckt. Er lachte dröhnend und rief jovial: »O.K.! Heil Hitler! But that's over now!« Zwei Tage später erhielt das Ehepaar Bode von einer Hausbewohnerin die telefonische Mitteilung, dass ihr Wohnhaus die Einnahme der Stadt durch die Amerikaner unbeschadet überstanden hatte und sie in ihre Wohnung zurückkehren konnten. Auf dem Rückweg in ihre Stadt begegnete die Familie einem endlosen Zug von deutschen Kriegsgefangenen, die in die Gegenrichtung trotteten. Diese bewegten sich zu dritt nebeneinander, bewacht von amerikanischen Soldaten, welche die Kolonne ausdruckslos blickender Männer mit dem Gewehr im Anschlag begleiteten, zu Fuß oder sitzend/stehend in Armee-Fahrzeugen, die im Schritt-Tempo dahinkrochen.


Rein akustisch

I.
30. April 1955, Bad R., Kleinstadt im Harz.
Spärliche Plakatierung hatte in den letzten Wochen zu einem für den Ort traditionellen Ereignis eingeladen, dem »Tanz in den Mai«.
Heute nun ab 20 Uhr spielte eine namenlose Kapelle in der Gastwirtschaft »Zum Schützenkrug« zum Tanz auf. Drei etwa 45jährige Freizeit-Musiker, mit dem Zug aus dem nicht allzu weit entfernten Göttingen angereist, sollten für die notwendige Stimmung sorgen: Anton Laiser (Klavier), im bürgerlichen Leben Uhrmachermeister, Paul Galinska (Kontrabass), Stromableser, und Karl Gehrlich (Tenorsaxofon), Krankenpfleger.
Sie waren seit langer Zeit miteinander befreundet und hatten im III. Reich bei der Wehrmacht eine gründliche Ausbildung zu Orchestermusikern erhalten. Gehrlich erzählte bei jeder sich bietenden Gelegenheit jedem, der es hören wollte oder auch nicht hören wollte, dass sie als Militärmusiker als ›heimatverwendungsfähig‹ eingestuft und deswegen nicht an der Front eingesetzt wurden.
Seit ein paar Jahren besserten sie ihr Taschengeld mit kleinen Tanzmusikjobs auf.
Zwei der drei Musiker hatten ihre Instrumente - Kontrabass und Saxofon - im Zug mitbefördert, der dritte hatte den Transport der Noten übernommen. In jenen Jahren, in denen elektronische Musikinstrumente noch rar waren, verließen sich die Pianisten darauf, dass vom Veranstalter ein funktionsfähiges, gestimmtes Klavier bereitgestellt wurde - und waren dann auch oft verlassen.
Als die drei die Gastwirtschaft betraten, stellten sie sofort fest, dass sich auf der Bühne kein Klavier befand. Auf Befragen eröffnete ihnen der im übrigen recht freundliche Wirt mit Namen Karl Riebold, er habe vor vier Tagen das hauseigene Piano stimmen lassen wollen, doch der bestellte Stimmer habe ihm erklärt, das Instrument sei »nicht mehr zu retten«; er riet ihm, es verschrotten zu lassen. Zufällig kam natürlich zwei Tage später ein Altwarenhändler des Weges … Der Wirt entschuldigte sich für sein Versäumnis, die Musiker nicht rechtzeitig davon in Kenntnis gesetzt zu haben.
Auf die Frage: »Was nun?» hatte Riebold sogleich eine Antwort parat: Eine seiner Cousinen, die im Ort lebte, besitze ein Akkordeon, das - falls gewünscht - zur Verfügung stünde. Laiser, ein gemütlicher Ostpreuße, den so schnell nichts aus der Ruhe brachte, sagte: »Schauen wir uns das doch einmal an!« Zusammen mit einem Sohn des Wirts machte er sich auf den Fuß-Weg zum Wohnhaus der Cousine und schaute sich das Instrument an: Es war, wie versprochen, ein Akkordeon, aber leider ein Knopf-Akkordeon.
Hierzu eine kurze Erläuterung: Die für die rechte Hand vorgesehene »Melodie-Seite« eines ›normalen‹ Akkordeons [auch als Tasten-Akkordeon oder Piano-Akkordeon bezeichnet] ist mit piano-ähnlichen Tasten ausgerüstet, die für die linke Hand vorgesehene »Begleitungs- oder Harmonie-Abteilung« enthält Knöpfe, so dass man, anders als beim Klavierspiel, hier mindestens zwei-dimensional denken muss. Das Knopf-Akkordeon [auch Knopfgriff-Akkordeon oder Knopfharmonika genannt], das früher entwickelt wurde als die »Piano-Variante«, ist auf beiden Seiten (für beide Hände) ausschließlich mit Knöpfen bestückt. Musiker, die das Tasteninstrument beherrschen, können nicht ohne weiteres ein Knopf-Akkordeon bedienen.
Anton Laiser hatte zwar vor ein paar Jahren ein Tasten-Akkordeon besessen, dieses aber vernachlässigt und »verstauben« lassen; ohne Umschweife erklärte er nun seinem Begleiter, er fühle sich außerstande, auf einem Knopf-Akkordeon zu spielen.
Die drei Musiker berieten nun, wie sie den Abend musikalisch gestalten sollten, denn durch die instrumentale Notlage waren ihre Programm-Pläne in Frage gestellt worden. Nach kurzer Überlegung entschieden sie sich, wie folgt vorzugehen: Der Bassist zupft, solange er kann, der Saxofonist bläst, solange seine Luft reicht, der Pianist singt und unterstützt damit das Melodie-Instrument; wenn der Saxofonist außer Atem ist, wartet er einen Moment und singt dann ebenfalls, der Bassist kann frei entscheiden, wie oft und wie lange er mitsingt.
Dieses Konzept durchzuhalten erforderte einige Selbstdisziplin, schließlich aber blieben die Künstler ihrem bewährten Repertoire treu, welches aus aktuellen Schlagern sowie Erfolgen aus der Epoche des Dritten Reiches (»Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern«) bestand.
Rund zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Besucher solcher Feste noch relativ leicht zufriedenzustellen. Einige halblaute Rufe (»Stümper!«), die von einem Tisch vom Rande der Tanzfläche kamen, blieben die einzigen Unmutsäußerungen, und so tanzte das Publikum geduldig und ergeben dem Mai entgegen.
Um 0:00 Uhr besang der ganze Saal hingebungsvoll den Mai, der gekommen ist, und zu guter Letzt endete die Veranstaltung um 3:00 Uhr.
Bei der Auszahlung der Gagen an die Musiker empfand der Wirt ein wenig Mitleid mit den Dreien wegen des für sie etwas unglücklich verlaufenen Abends. Er bescheinigte ihnen, das Beste aus ihrer Situation gemacht zu haben, und gab ihnen ein kleines Trinkgeld mit auf ihre Eisenbahn-Heimreise.

II. 28. Juni 1985, derselbe Ort, dasselbe Lokal.
Im Jahre 1975 übernahm Frank Roxenberg - den alle Welt nur ›Roxy‹ nannte - die Gaststätte und fühlte sich bemüßigt, ihr einen neuen Namen zu geben, und alle Welt riet ihm zu ›Roxy‹.
Zum zehnjährigen Jubiläum veranstaltete er ein Konzert mit der Band »Die Bachelors« aus Braunschweig, mit Geert Hornung (Keyboards), Hartmut Zambocky (E-Bass) und Ulf Richter (Drums).
Der Wirt hatte in seinem »Festsaal« sieben Sitzreihen mit je acht Sitzplätzen arrangiert. Die Band war überregional bekannt, und das Lokalblatt hatte sich sogar dazu verstiegen, den Auftritt als »Sensations-Gastspiel‹ anzukündigen. Die Musik, mit der das Trio bekannt wurde, kann man als »progressiven Pop‹ bezeichnen, es wurden vor allem international erfolgreiche Titel renommierter Bands »gecovert‹.
Blickfang auf der Bühne war die sogenannte »Keyboard-Burg‹ des Tastenspielers: Zwei Keyboard-Ständer mit insgesamt neun großen, mittelgroßen und kleinen Synthesizern waren so aufgestellt, dass sie eine Gasse bildeten für den auf seinem Drehhocker rotierenden Geert Hornung.
Das Konzert begann mit einer Begrüßungs-Ansage des Bassisten, die so leise ausfiel, dass man fast nichts verstehen konnte. Das setzte sich fort beim ersten fast unhörbaren Musiktitel, beim zweiten und beim dritten, bis auch dem letzten Anwesenden im Saal klar wurde, dass mit der PA Anlage etwas nicht stimmte, dass sie ganz einfach ausgefallen war. Alles Herumschrauben, alle Handgriffe nützten nichts, und man rätselte allgemein, welche Ursache das Versagen der Anlage haben konnte.
Roxy, der Veranstalter, war überzeugt, dass es mit dem (viel zu) späten Eintreffen der Musiker in ihren zwei Kombis zusammenhing und dass sie bei all ihrem Equipment viel zu wenig Zeit für die ordnungsgemäße Verkabelung aufbringen konnten.
Wie dem auch war: Die gesamte Elektronik inklusive Gesangs-Mikrofon fiel aus - und man musste schnell eine Ersatz-Lösung finden. Man fand sie, und sie sah so aus:
Der Lead-Sänger (der Bassist) hatte für alle Fälle eine akustische Gitarre mitgebracht; er wurde gesanglich nach Kräften unterstützt von den Stimmen des Drummers und des Keyboarders, welcher dem Drummer rhythmisch mit einem Tamburin zur Seite sprang.
Das alles ergab einen armseligen Sound, und nach einer knappen halben Stunde jämmerlichen Musizierens ertönt aus dem Publikum der Zwischenruf: »Anfänger! Hört euch mal Emerson, Lake und Palmer an!«.
Nach weiteren zehn Minuten wendet sich der Bassist an das Publikum und erklärt das Konzert für beendet.
Als der Wirt das hört, eilt er zur Bühne und verspricht den überwiegend aufgebrachten Konzertbesuchern, dass jeder, der ihn in den nächsten Tagen in seinem Büro aufsucht, den Preis der Eintrittskarte erstattet bekommt.
Wie er schließlich mit den Musikern im Bezug auf die Auszahlung ihrer Gage verblieb, ist nicht überliefert.

III.
21.08.2003, derselbe Ort, dasselbe Lokal.
Boris Beinwell, aus Bad R. gebürtig, war in den letzten 20 Jahren durch seinen Gesang, sein Spiel auf der Gitarre und viele Auftritte mit seiner Band eine regional bekannte Musikgröße geworden. Seine Liebe gehörte der amerikanischen Country-Musik, sein Gesangs-Vorbild war Kenny Rogers, den er gern einmal persönlich kennengelernt und mit dem er gern einmal zusammen musiziert hätte.
In seinen reiferen Jahren hatte er sich nun einen alten Traum erfüllt und 1999 ein Lokal erworben, in dem er selbst auftrat und auch andere Gruppen auftreten ließ. Den Namen der Gaststätte hatte er bei »Roxy« belassen; sie war inzwischen zu einem gutbesuchten Speiselokal geworden.
Die Musikabende veranstaltete Beinwell unter dem programmatischen Titel »Rein akustisch«, wobei er lange schwankte zwischen diesem Terminus und dem MTV-Begriff »Unplugged«. In ihm war nach einigen bitteren Erfahrungen der Entschluss gereift, Musik aufzuführen ohne jede Elektronik, ohne Verkabelung und ohne Mikrofon-Einsatz; mehrfach hatte er erlebt, wie hilflos manche Musiker dastanden ohne elektronische »Stütze‹, nun schloss er sie grundsätzlich aus für Darbietungen in seinem Haus.
Für die heutige Abend-Veranstaltung - pünktlich zum 65. Geburtstag des großen U.S.-Stars Kenny Rogers - waren zwei Live Acts angekündigt.
Den Anfang machte ein Solo-Auftritt von Martin Svoboda, dem tschechischen Astor Piazzolla. Wie dieser war er ein Virtuose auf dem Bandoneon; er spielte Solo-Stücke und begleitete gekonnt seinen eigenen Gesang. Zum Abschluss seiner Darbietung glänzte er mit dem Bravour-Lied »Granada«, das er mit »Knödelstimme‹ vortrug. Großer Beifall.
Der zweite Auftritt des Abends gehörte einem Trio aus Duderstadt mit dem Namen »DoReMi« und den Mitgliedern Reginald Gartz (Kontrabass und Gesang), Doris Sommer (Gesang und Perkussion) und Mina Sommer (Gesang und Perkussion), die sich aus Partikeln ihrer Vornamen recht einfallsreich ihren Bandnamen zusammengebastelt hatten. Ihr Repertoire bestand aus amerikanischen Country Songs, aus Folk Rock Songs wie »Blowin’ In The Wind« oder »Where Have All The Flowers Gone?« und Beatles-Titeln.
Die Stücke lebten vom Solo- und Chor-Gesang der drei Bandmitglieder. Die beiden Schwestern hatten unterschiedliche Vorbilder: Während Doris Sommer der Country-Ikone Emmylou Harris mit deren gefühliger Stimme nacheiferte, schwärmte Mina für Kim Carnes und ihr aufgerautes Timbre. Wiederholt griffen sie zu Tamburin und Kastagnetten, um das rhythmische Element der Lieder zu verstärken.
Abgesehen von wenigen »verpatzten‹ Einsätzen und einigen Intonationsschwierigkeiten bei Tutti-Passagen boten die Drei gefällige Musik, die vom Publikum - auch wegen der freundlichen Präsentation - begeistert aufgenommen wurde.
Zum Abschluss des Auftritts wartete der Kontrabassist Gartz mit einer Überraschung auf: In einer Dia-Show, die er bisweilen mit gestrichenen Bass-Melodien unterlegte, machte er die Besucher mit dem Leben eines musikalischen Vorfahren bekannt. Friedrich Baumann (1869-1955), sein Urgroßonkel mütterlicherseits, stammte aus dem Dorf N. bei Duderstadt. Er verbrachte sein ganzes Leben auf dem Familien-Bauernhof, den sein älterer Bruder nach dem Tode des Vaters übernahm, steuerte seinen Anteil zur Landwirtschaft bei, blieb Junggeselle, rauchte Pfeife, aß regelmäßig Harzer Käse, war ein Tüftler, wortkarg und in seiner Freizeit ein nicht alltäglicher Musikant.
Genauer gesagt: Er war Bassist, strich und zupfte den Kontrabass & blies die Tuba. Und er wurde ein gesuchter Musiker in seinem Dorf und der näheren Umgebung für alle möglichen gesellschaftlichen Anlässe, bei denen populäre Tanzmusik erwünscht war, Feierlichkeiten wie Silvester, Rosenmontag, Tanz in den Mai, Kirmes, Schützenfest u.a.
Zu seinen Engagements ging er zu Fuß, den Kontrabass auf den Rücken geschnallt, die Tuba vor der Brust befestigt.
In dieser Aufmachung legte er viele Kilometer per pedes zurück. Das konnte der Nachkomme in seiner Präsentation erfreulicherweise mit einigen Fotos belegen, die, aufgenommen im Jahre 1921 und mit einigen Gebrauchsspuren »verziert‹, ein Raunen im Publikum hervorriefen.
Lang anhaltender Beifall für diesen Vortrag über den »Doppel-Bassisten«.
Im Publikum in der ersten Reihe wandte sich der Redakteur für Lokales des regionalen Tageblatts an seinen Begleiter, einen 28jährigen Volontär, mit den Worten: »Ich glaube, zu dieser Story sollten wir einen Artikel bringen!« Er ging zur Bühne und wurde mit dem Kontrabassisten schnell einig über einen Interview-Termin in den nächsten Tagen.
Der Saal leerte sich.
Als die beiden Zeitungs-Mitarbeiter die Gaststätte verließen, entwickelte sich auf dem Weg zum Parkplatz der folgende kurze Dialog:
Redakteur: Na, was hat Ihnen heute Abend am besten gefallen?
Volontär: Ehrlich gesagt: was man aus der Musik machen kann, wenn man sie nicht unbedingt elektronisch verstärkt.
Redakteur: Das ist mir überhaupt noch nicht aufgefallen. Aber Sie haben Recht: Endlich mal wieder eine Band, die Musik macht mit Hand und Fuß, und die man sich auch anhören kann! Einfach genial, Klasse!



Kluft & Rang
Matthias Brinkmann und Timm Reineke lernten sich an einer norddeutschen Universität während ihres Lehramts-studiums kennen und wurden Freunde. Nach einigen Berufsjahren an verschiedenen Schulen trafen sie sich an einem westfälischen Gymnasium wieder, wo sie beide eingestellt wurden.
Reineke unterrichtete in den Fächern Latein und Deutsch, seine Amtsbezeichnung war Oberstudienrat; sein Kollege unterrichtete Deutsch und Politik, war Mitglied der Schulleitung (Direktor-Stellvertreter), seine Amtsbezeichnung war die eines Studiendirektors.
Einmal im Jahr, während der Sommerferien, pflegten sie nach wie vor ein Relikt aus ihrer Studentenzeit, ein liebgewordenes Projekt, das sie nicht missen wollten: einen Wanderurlaub. Sie suchten sich ein attraktives deutsches Wandergebiet aus und blieben dort eine Woche. Es war stets eine Wanderung von A nach B in sieben Abschnitten. Alle Übernachtungen wurden vorher festgelegt, bis auf die letzte, die während der Schluss-Etappe ad hoc geklärt wurde.
In diesem Jahr hatten sie sich für den Harz entschieden, das Mittelgebirge in Norddeutschland. Heute, am letzten Tag ihrer Wanderwoche, waren sie um 10 Uhr aufgebrochen und hofften, die vorgesehenen 20 Kilometer gegen 17 Uhr bewältigt zu haben.
Gegen 14 Uhr - sie hatten also etwas mehr als die Hälfte ...






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Info:
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Reinhard Giebel ist in Göttingen geboren. Er ist Pianist und war Mitbegründer des Gunter Hampel-Quintetts.
Piano-Solokonzerte, Veröffentlichung von 5 LPs und 6 CDs
Musik zu Kurzfilmen, Theatermusik, Hörspiele
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